Ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Egal ob High-Tech-Produkt von Adidas, Derbystar, [put your favourite brand here] oder das Werbegeschenk an der Tankstelle – die pakistanische Metropole Sialkot zeichnet für etwa 60 bis 75 Prozent der weltweiten Produktion von Fußbällen verantwortlich. Warum?

Na klar, von Arbeitsbedingungen über Lohnstückkosten bis Synergieeffekte könnte man hier sicher das komplette Einmaleins des globalisierten Neoliberalismus runterbeten. Und wüsste hinterher immer noch nicht, warum genau jährlich 40 Millionen Fußbälle in der 500.000-Einwohner-Stadt und nicht etwa in einem anderem Niedriglohnland oder einer anderen Region Pakistans gefertigt werden. Für das Wetten mit Angebotscodes bleibt dort sicher keine Zeit.

Nun, wenn man der österreichischen Dokumentation mit dem furchtbaren Titel „Der Ball ist rund“ glaubt, ist der Grund romantischer, als ich vermutet hätte:

Fankultur in den 90ern: „Attacke – Du gehst immer wieder hin“

Unser neues Lieblings-Video-Portal Vimeo hat mal wieder eine echte Perle an den Blogstrand gespült:

Die Spielzeit 93/94 war die bislang letzte, die der Wuppertaler SV in der 2. Bundesliga verbringen durfte. Wie es der Zufall so wollte, war es diese Abschieds- und Abstiegssaison, die Volker Hoffmann zu einem 45-minütigen Dokumentarfilm verarbeitete: „Attacke – Du gehst immer wieder hin“.

Der Wuppertaler Filmemacher lässt darin so ziemlich jede Stimme rund um das Stadion am Zoo zu Wort kommen – den politisch denkenden Fanzinemacher, eher einfach gestrickte Fanclubmitglieder in Kutte, den „szenekundigen“ Polizeibeamten, trinkfreudige Allesfahrer, den Ordner, die Mecker-Rentner, vermummte Hools mit verzerrten Stimmen oder den juvenilen Schnösel auf der Haupttribüne etc. pp. Dadurch wirkt der Film zwar manchmal ein wenig reißbrettartig, bildet auf der anderen Seite allerdings eben auch ein großes Spektrum an Meinungen, Eindrücken und (Fan-)Lebenswirklichkeiten ab.

Bitte sehr:

Dokumentation: Los Cerveceros de Quilmes – Die Bierbrauer aus Quilmes

Während beim Marktführer youtube jedes noch so banale Handyvideo in Fingernagelgröße landet, tummelt sich bei Vimeo eher die Avantgarde der Internetfilmer. Da passt es gut ins Bild, dass dort auch eine gut halbstündige Dokumentation über die Fanszene des Quilmes Atlético Club zu finden ist. Mit professionellem Equipment gedreht und absolut hochwertig in Szene gesetzt. Einfach so für Jedermann kostenlos abrufbar. Wahnsinn, dieses Internetz.

Quilmes befindet sich innerhalb der Agglomeration von Buenos Aires und ist insbesondere durch die dort beheimatete Brauerei bekannt. 1887 wurde der Quilmes Atlético Club (QAC) gegründet und ist somit einer der ältesten Fußballverein Argentiniens. Inzwischen besitzt der Verein zwar das Image einer Fahrstuhlmannschaft, doch 1978 konnte QAC zum ersten und bisher einzigen mal die argentinische Meisterschaft in die kleine Bierstadt holen. Die Erinnerungen an den Gewinn der Campeonato Metropolitano dient ein Stück weit auch als Aufhänger für einige der im Film zu sehenden Interviews.

Ich empfehle übrigens, diesen Film nicht in einem schnöden Browserfenster anzusehen. Das Werk von Andreas Geipel, Franz Sickinger und Shooresh Fezoniinem verdient mindestens einen großen LED-TV. Wer sich für die Hintergründe und Entstehungsgeschichte interessiert und ausreichende Spanischkenntnisse besitzt, sollte sich außerdem diesen Text zu Gemüte führen.

[via Schalkefan.de]


Tom meets Zizou – die obligatorische Rezension

…oder nennen wir es besser: einige mehr oder weniger unstrukturierte Gedanken und Beobachtungen.

Tom meets Zizou Banner

Von Thomas Broich habe ich zum ersten mal zu Beginn seiner Karriere in einem Fußball-Forum erfahren. Ein ebenfalls dort angemeldeter Burghausen-Fan (ja, gibt es wirklich) schwärmte in höchsten Tönen von diesem jungen Mittelfeld-Juwel, das damals für Wacker die Regionalliga durcheinander wirbelte.

Broichs erste Ausrufezeichen in der 2. Bundesliga habe ich auch noch mitbekommen. Dass er danach in Mönchengladbach neben „Frank Fahrenhorst(!!!), Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski“ (Verständnis-Apparat Johannes Bekerner) als einer der großen Hoffnungsträger des deutschen Fußballs galt, aber irgendwie nicht. Oder ich habe das mit zunehmender Verkalkung nicht mehr so auf dem Schirm, kann natürlich auch sein.

Ticket Tom meets ZizouZudem kommt nun einmal vor, dass vormals hoch gehandelte Jungstars nicht den absoluten Durchbruch schaffen. Den ersten großen Karriereknick unter Dick Advocaat samt Verbannung in die zweite Mannschaft habe ich daher überhaupt nicht, sein langsames Verschwinden aus dem Fokus höchstens am Rande registriert. Das Hauptmotiv des Films, Thomas Broich als tragischer Misfit im knallharten Bundesligageschäft, war für mich bei der ersten Beschäftigung mit dieser Langzeitdoku völlig neu.

Den Spitznamen Mozart – retrospektiv betrachtet eher Fluch als Segen – habe ich, naiv wie ich bin, seiner Jugendlichkeit, seiner Filigranität und seinem Esprit zugeschrieben. Tatsächlich stammt er von einem klassikuninteressierten Mitspieler. Wie profan.

Summa summarum werfen diese ganzen Wissenslücken und Fehlannahmen eine große Frage auf: Konsumiere ich zu wenig oder zu viele Boulevardmedien?

Kein Film von Traurigkeit

Von 2003 bis 2011 begleitete Regisseur Aljoscha Pause die Karriere von Thomas Broich, reiste um den halben Erdball und sprach mit Dutzenden Weggefährten. Herausgekommen sind über 100 Stunden Rohmaterial, die der Filmemacher begleitet von der fantastischen Musik von Roland Meyer de Voltaire zu einer intensiven Charakterstudie verdichtete.

Die Längen, die Tom meets Zizou gemäß einiger anderer Rezensionen haben soll, konnte ich so nicht ausmachen. Wenn, dann wurde höchstens Broichs Premierensaison in der ersten Liga etwas zu erschöpfend beleuchtet. Langeweile kam während der gut zwei Stunden aber nie auf. Zu unverblümt, offen und bisweilen auch überraschend humorvoll sind die Statements von Broich selbst und den anderen Interviewten.

Etwa, wenn die noch immer sehr stark im bayrischen Idiom gefangene Ex-Freundin zu Wort kommt und so gar nicht das Bild der typischen Spielerfrau verkörpert. Oder sein Trainerkumpel Micheal Oenning, dem irgendjemand vielleicht mal ein Taschentuch hätte reichen sollen. Die meisten Lacher gingen allerdings eindeutig auf das Konto von Berti Vogts, der, ganz offensichtlich ein wenig neben sich stehend, den jüngsten Auftritt von U-21-Kapitän Broich gleich mehrfach mit „Boah! Das ist ein guter Spieler.“ adelt.

Schlüsselszene und gleichzeitig eindringlichster Blick auf Broichs Naturell? Oder einfach nur Zufall? Ich weiß es nicht, aber die Minuten unmittelbar nach dem Gewinn der Australischen Meisterschaft haben es auf jeden Fall in sich. Denn selbst im Moment des großen Triumphes gelingt es Broich nicht, im Kollektiv der jubelnden Mannschaftskameraden abzutauchen; stattdessen wandelt der inzwischen 30-Jährige gedankenverloren, fast schon beckenbaueresk über das Spielfeld und wischt sich noch während der laufenden Siegerehrung den Glitter als materialgewordenen Erfolg von den verschwitzten Armen.

Broich is Ultra

Thomas Broich lässt wenig Zweifel daran, dass sein früheres Image, die Inszenierung als ständig bücherlesender Schöngeist zumindest teilweise nicht unbedingt seinem Wesen entsprochen hat und eher ein Produkt der eigenen Unangepasstheit war. Weil Broich diese Umstände reflektiert, ohne sie zu verleugnen oder sich total ändern zu wollen, weil er auch ansonsten äußerst sympathisch und entwaffnend ehrlich rüberkommt, strahlt Aljoscha Pauses Portrait eine außergewöhnliche Wahrhaftigkeit aus.

Außerdem bleibt die Erkenntnis, dass der Bundesliga ein Typ wie Thomas Broich mit ihrem Heer von mediengeschulten Viertelintellektuellen mit Gesamtschul-Abi einfach fehlt. Seine Pässe tun es sowieso.

Fazit

Großartig. Wer sich auch nur ein bisschen für die Hintergründe des Spiels interessiert und die Möglichkeit hat (>>Termine), den Film in seiner Nähe im Kino zu sehen, sollte diese wahrnehmen. Alle anderen sparen für die sicherlich irgendwann erscheinende DVD.


Infos

Tom meets Zizou


Regie: Aljoscha Pause
Verleih: mindjazz pictures
Buch / Idee: Aljoscha Pause
Schnitt: Anne Pannbacker
Kamera: Robert Schramm, Martin Nowak, Jochen Wagener u.a.
Musik: Roland Meyer de Voltaire
Sprecher: Josef Tratnik
Produktion: Aljoscha Pause, Hans-Peter Klein, Filmworks

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Video: Stadionbau anno 1939

Das Jahr 1939 war nicht das unbeschwerteste in der Geschichte unseres Landes. In Worms am Rhein besitzt man dennoch die die Muße, sein erst zwölf Jahre zuvor errichtetes Stadion einer Komplettrenovierung zu unterziehen. Und in der Stadt, nach der später Computerspiele benannt werden sollten, gibt es sogar einen Hobbyfilmer, der die Arbeiten in der damaligen Adolf-Hitler-Kampfbahn für die Nachwelt festhält.

Heutzutage sind Stadionbau-Dokumentationen natürlich Massenware, Filmmaterial aus dieser dunklen Ära ist allerdings fast schon als als kleine Sensation zu bezeichnen und daher unbedingt sehenswert. Daran ändert auch die eigenwillige Musikuntermalung – nicht näher definierbares Technogedudel geht nahtlos in den Stranglers-Klassiker „Golden Brown“ über – nichts. Bittesehr: