Vermummte Chaoten dringen gewaltfrei in Teamhotel ein

Wie jetzt?

Laut Polizei konnten die Personen dagegen von Hotelangestellten am Haupteingang zurückgewiesen werden. […] Berichte, wonach die Anhänger vermummt gewesen seien, wies Rangnick nach dem Spiel (0:0) bei Sky zurück. “Sie waren nicht vermummt, aber sie hatten Kapuzen an.”

Ja was denn nun? Hausfriedensbruch durch Gewalttäter? Oder sind einfach nur ein paar Halbstarke vor dem Hotel rumgelungert und haben Schmählieder gesungen?

ABER SIE HATTEN KAPUZEN AN!!!11

Im ARD-Morgenmagazin fiel heute der selten dämliche Begriff “Reisewarnung”. Passiert ist in Karlsruhe aber offenbar zum Glück nichts. Weder im Stadion noch sonstwo. Als hätte nicht jeder halbwegs regelmäßige Schlachtenbummler von jedem x-beliebigen Verein auswärts schon brenzlige Situationen erlebt. Und dennoch hat es die PR-Maschinerie des “Getränke”-Herstellers im Fall der Leipziger Dependance geschafft, sich in eine nicht mehr kritisierbare Opferrolle zu manövrieren.

Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil der österreichische Konzern ansonsten gerne auf die körperliche Unversehrtheit seiner Sportler scheißt und aufwändige Filme produziert, ohne auf Kino-Plakaten oder im Pressematerial darauf hinzuweisen, dass der Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten ums Leben kam.

Trotz allem: Gewalt und deren bloße Androhung sind nicht tolerierbar. Wenn also noch eine persönliche Anekdote erlaubt ist: Der Verfasser dieser Zeilen wurde im Juni 2013 nach dem Relegationsspiel in Lotte von einer Leipziger Autobesatzung übelst beschimpft und zu einem fairen Kräftemessen in der nichtolympischen Disziplin “Vier gegen Einen” eingeladen. Ein Verhalten, das mir in den vergangenen 15 Jahren als neutraler Besucher bei über 500 Fußballspielen bislang nur durch Fans von Dynamo Dresden begegnet ist.

Immerhin auf dieser Ebene ist RBS Leipzig also auf dem besten Weg zum echten Ost-Verein.

Ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Egal ob High-Tech-Produkt von Adidas, Derbystar, [put your favourite brand here] oder das Werbegeschenk an der Tankstelle – die pakistanische Metropole Sialkot zeichnet für etwa 60 bis 75 Prozent der weltweiten Produktion von Fußbällen verantwortlich. Warum?

Na klar, von Arbeitsbedingungen über Lohnstückkosten bis Synergieeffekte könnte man hier sicher das komplette Einmaleins des globalisierten Neoliberalismus runterbeten. Und wüsste hinterher immer noch nicht, warum genau jährlich 40 Millionen Fußbälle in der 500.000-Einwohner-Stadt und nicht etwa in einem anderem Niedriglohnland oder einer anderen Region Pakistans gefertigt werden.

Nun, wenn man der österreichischen Dokumentation mit dem furchtbaren Titel “Der Ball ist rund” glaubt, ist der Grund romantischer, als ich vermutet hätte:

“Als käme ich vom Mars”

“Man kommt ja gar nicht mehr an die Stars ran. Exklusiv™ schon gar nicht. Und wenn, dann allerhöchstens unter der Fuchtel eines Werbepartners.”

Jo. Stimmt vermutlich. War vor einer Dekade aber bereits auch schon so, wie die Schilderungen von Spiegel-Journalist Ullrich Fichtner über Zustandekommen und Ablauf seiner Audienz beim damals wohl besten Fußballspieler des Planeten eindrucksvoll dokumentieren. Ein zehn Jahre alter Text, immer noch sehr lesenswert: Elf Minuten Zidane.

Tradition? Drauf geschissen

RBS Leipzig ist für die Bundesliga-Rechteverwerter Gefahr und Chance zugleich. Diese Erkenntnis scheint nun auch bei der ARD respektive der Sportschau angekommen zu sein. Bei Sky konnte man das bereits zu Saisonbeginn bezeugen, als das erste Heimspiel der Leipziger mit großem Getöse inszeniert wurde. Über eins muss man sich aber im Klaren sein: Wo immer ein an exklusive Lizenzen gebundenes Produkt wie die Bundesliga vermarktet wird, kann per Definition nicht journalistisch über selbiges darüber berichtet werden. Muss man als Rezipient aber damit rechnen, im Rahmen eines Live-Tickers darüber belehrt zu werden, welche Vereine zurecht am Start sind?

Markenpflege outgesourct

Ja, von Sky kann und muss man das tatsächlich erwarten. 485,7 Millionen Euro pro Saison müssen irgendwie refinanziert werden und mit der Aussicht, dass die Meisterschaft mittelfristig tatsächlich schon regelmäßig an Weihnachten entschieden ist, dürfte das schwer werden. Mit albernen Narrativen wie “Die Liga der Weltmeister” oder “Der spannendeste Abstiegskampf aller Zeiten!!!” lässt sich vielleicht manches kompensieren, aber … der Kunde mag vielleicht etwas blöd sein, jeden Scheiß lässt er sich aber dann doch nicht andrehen. Mit dem Film- und Serienangebot bröckelt momentan (Netflix und Filesharing sei Dank) zudem ein wesentliches Standbein des aktuellen Geschäftsmodells weg. Dass sich nun der Leipziger Ableger der Energy-Plörre aufmacht, vielleicht schon nächste Saison in der 1. Liga um die vorderen Plätze mitzumischen, dürfte in Unterföhring beinahe schon wie ein Silberstreif am Horizont wirken. Es verwundert also nicht, dass man von Sky keine kritische Einordnung in Sachen RBS erwarten kann. Im Gegenteil. Wenn aber die Abhandlung eines öffentlich-rechtlichen Senders klingt, als habe Dietrich Matteschitz gerade seine Vorzimmerdame zum Diktat gebeten, ist das eine neue Qualität. Ja, sorry, so viel Gebührenkeule muss sein*. Es geht hier aber nicht darum, der ARD oder der Sportschau eine positive Ansicht zu RBS verbieten zu wollen. Die kann gerne geäußert werden – als klar gekennzeichneter Kommentar und Privatmeinung eines Autors. Aber doch nicht eingebettet in einer sportfokussierten Liveberichterstattung.

It’s not the tradition, stupid

Es geht hier auch nicht um das leidige Thema Tradition. Was soll das überhaupt sein? Das Alter eines Vereins? Oder die Dauer, die dieser erstklassig ist? Werden Zeiten in der zweiten Liga wenigstens zur Hälfte angerechnet? Niemand** wird bestreiten, wie sehr etwa der SC Freiburg oder der FSV Mainz 05 in den vergangenen 15 bis 20 Jahren die Bundesliga-Landschaft bereichert haben. Ganz ohne Mäzene oder Investoren in der Hinterhand. Und obwohl erstgenannter Club traditionell und bis Anfang der 80er sogar nur die Nr. 2 der Stadt war. Stillstand ist der Tod und das Klammern an Althergebrachtes nur ein Symptom menschlicher Unfähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Tatsächlich ist das sarkastische Umdrehen des Traditions-Argument der einzige Taschenspielertrick, der den RBS-Apologeten (in diesem Fall einem Mitarbeiter des Haus- und Hofsenders MDR) bleibt:

Man sollte ihnen kein zusätzliches Futter liefern.

 

*Man könnte sich nun auch noch fragen, wieso auf Basis von Zwangsabgaben existierender Rundfunk bei reinen Textangeboten (wie eben einem Ticker) überhaupt in Konkurrenz zu privatwirtschaftlich finanzierte Medien treten muss. Aber das würde zu weit führen.

**Von irgendwelchen Lokalrivalitäten mal abgesehen.

Werner Biskup: In agro veritas

Werner Biskup ist eine dieser “Kultfiguren der Bundesliga”, mit der ich kraft meiner späten Geburt nicht mehr so wirklich in Berührung gekommen bin. Zu seinen Fähigkeiten als Trainer kann ich also wenig sagen. Wohl aber, dass der am 22. Juni verstorbene Biskup meisterhaft mit Trollen umgehen konnte – lange bevor dieser Begriff in einer durch die Netzkultur beeinflussten Bedeutung den Weg in unseren Sprachgebrauch fand. Anekdote?

Anekdote: Irgendwann ist ein Kumpel von mir als Teil einer angeschickerten Truppe von Abiturienten bei einem von Werner Biskup geleiteten Training aufgelaufen. Nach einigen Sprüchen der Preisklasse “Werner, sauf doch einen mit!” oder “Den hätt’ ich auch noch gemacht!” verdonnerte der immer wieder mit Alkoholproblemen kämpfende Übungsleiter die Burschen kurzerhand zum Mittrainieren.

Völlig geschlaucht von einer halben Stunde Fußball unter Profibedingungen haben sich die halbstarken Großmäuler dann kleinlaut verzogen. Großartige Aktion. Werner 1, Pennäler 0.

RIP, Werner Biskup

They tried to make me go to rehab, but I said…

Ich bin einigermaßen von mir selbst überrascht; oder auch nicht: Nachdem ich am Mittwoch noch absolut keine Lust auf das Turnier in Brasilien hatte, ist heute, nur drei Tage später, auch hier ohne Thermometer leicht erhöhte Temperatur messbar.

Dieser Zustand ist freilich nicht mit dem WM-Fieber von 1990 zu vergleichen. Weil man die rund um den Fußball geschehende Gesamtscheiße inzwischen besser einordnen kann, weil es tatsächlich immer schlimmer wird oder weil man als Erwachsener einfach generell viel von seiner Begeisterungsfähigkeit eingebüßt hat? Keine Ahnung, vermutlich spielt das alles mit rein.

Eine Weltmeisterschaft ist aber eben immer noch geil, #ESP vs #NED jetzt schon ein Klassiker und überhaupt. Machen wir uns nichts vor:

Mein Name ist Jens und ich bin süchtig.

Genauso wie ihr. Fußball ist unser Crystal Meth. Das Fernsehen unser Dealer. Wir bezahlen mit unserer ungeteilten Aufmerksamkeit und am Ende landet die Kohle bei Drogenbaron Sepp.

Hat man sich das erst einmal eingestanden, wird auch klar, warum wir einer “comichaft grotesken Organisation” wie dem Fußballweltverband scheinbar wirklich alles durchgehen lassen. Warum dieser zusammen mit Politik und nationalem Organisationskomitee die Bedenken von Millionen Brasilianern einfach aus dem Weg knüppeln kann. Warum selbsternannte Sportjournalisten im Campo Fernsehgarten noch nicht einmal mehr Distanz vortäuschen und Interviews mit den Beinen im Planschbecken führen.

Meth muss nun einmal auch nicht in parfümiertes Geschenkpapier mit Schleife verpackt werden, um in entsprechenden Kreisen reißenden Absatz zu finden.

Stand heute sage ich selbstverständlich, dass ich ein WM-Turnier in einem auf dem Rücken von Sklaven in die Wüste gerotzten Unrechtsstaat nicht schauen würde. Werde ich das am Tag des Eröffnungsspiels im Jahr 2022 immer noch so sehen? Ich bin mir da nicht mehr so sicher.