Mit Fußball-Mythen aufräumen: Der Schlucksee

Schluchsee SchluckseeDas Fußballjahr 1982 samt damals stattfindender Weltmeisterschaft zählt gefühlt noch zu den 70ern und ist damit vor allem eins: stinklangweilig. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht die regelmäßig vor WM-Turnieren aufploppende mediale Beschäftigung mit dem Mega-Schlafmittel „Trainingslager der die Mannschaft“ die Vorbereitungsphase vor eben jener WM ’82 aufgreifen würde.

Egal ob 11Freunde, Sky, Bild oder Kicker – kultige Geschichtchen aus dem Trainingslager im Schwarzwald sind medienübergreifend gerne genommen. So kalauerte dann heute Thomas Skulski im Morgenmagazin des ZDF geradezu dellingesk über das Quartier der die Mannschaft während der WM 2018:

Nicht, dass Vatutinki zu Wattzutrinki verkommt; wie damals der Schluchsee, der zum Schlucksee wurde.

Kann man natürlich machen, der ZDF-Moderator ist beileibe nicht der erste, der die Schlucksee-Karte spielt. Nur: Sinniger ist die Nummer in all den Jahren und Jahrzehnten nicht geworden. Der Schluchsee ist nämlich phonetisch ein Schluuchsee, mit langgezogenem U. Mit diesem Wissen wirkt dieses Wortspiel plötzlich ungefähr so durchdacht, wie Gustav auf Gasthof zu reimen.

Gute Story, Journalisten, zu viel Recherche, kaputt. Nicht.

95 Thesen zum Videobeweis

"Thesen VAR

Ja, wir sind einen Tag zu spät dran. Ja, es sind nur vier. Jedenfalls sind wir – ohne konkreten, aktuellen Anlass – in der Redaktion einstimmig der Meinung, dass der Videobeweis respektive VAR in seiner derzeit dargebotenen Form nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Aus folgenden Gründen:

1. Fehlende Demarkationslinien

Was ist, wenn 20 Sekunden vor dem zu beurteilenden Handspiel ein nichtgeahndete Abseitsstellung vorliegt? Wie verhält es sich bei einem falschen Einwurf 90 Sekunden vorher? Was ist mit dem elfmeterreifen Foul auf der anderen Seite 2:30 min. zuvor? Wie will man da verdammt noch mal eine Grenze ziehen?

2. Abseits

Anhand des Videomaterials stellt sich raus, dass der Torschütze doch im Abseits stand, der Treffer wird zurückgenommen: Alles tacko, kein Problem

Anhand des Videomaterials stellt sich raus, dass der alleine aufs Tor zulaufende Stürmer entgegen der Entscheidung des Schiedsrichtergespanns doch nicht im Abseits stand: Tja, Pech gehabt…

3. Handspiel

Machen wir uns nichts vor: Wäre die Handspielregel eine Stadt, sie wäre Berlin. Total kaputt, da hilft eigentlich nur noch Einstampfen und kompletter Neuaufbau. Solange es aber keine Vereinheitlichung im Regeltext und bei der Auslegung gibt, wüsste ich nicht, wie der VAR da für mehr Gerechtigkeit sorgen kann.

4. Technik

Die härtesten Schüsse im Fußballsport erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h und mehr. Das sind umgerechnet 55,56 Meter pro Sekunde. Nun habe ich keine Informationen darüber gefunden (Wer es weiß: Bitte in die Kommentare damit!), mit welcher Bildwiederholungsfrequenz das Cologne-Broadcasting-Center das Videomaterial zur Einschätzung von strittigen Spielsituationen angeliefert bekommt. Gehen wir einmal von PAL und 50 Bildern pro Sekunde aus: Ein Torschuss mit einer Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h würde dann bis zu 1,11 m pro Einzelbild zurücklegen. Hinzu kommen Bewegungsunschärfe und der Umstand, dass die Szene normalerweise anhand einer Totalen und nicht etwa mit einer Großaufnahme des Schussbeins beurteilt werden muss.

Eine exakte Bestimmung des Moments der Ballabgabe ist so also gar nicht möglich, schon gar nicht mit dem menschlichen Auge unter Zeitdruck. Und trotzdem werden (auch schon vor dem Videobeweis) in den Live-Übertragungen der TV-Sender irgendwelche Standbilder eingeblendet und auf deren Basis dann absolute Aussagen darüber getroffen, ob nun eine knappe Abseitsstellung oder nicht vorliegt. Ohne das Zulassen von Restzweifeln oder „Können wir so einfach nicht beurteilen.“ – wollt ihr mich eigentlich verarschen?

„Denn wir kommen aus Ohligs, super Ohligs“

Stadion am Hermann-Löns-Weg, lost Ground

An dem, was in der Bergischen Metropole Solingen derzeit passiert, hätte der 1914 verstorbene Hermann Löns vermutlich seine Freude gehabt. Wobei „derzeit“ genau genommen einen Zeitraum von inzwischen mehreren Jahren beschreibt. Hmm, wir hatten hier schon bessere Einstiege, aber vielleicht wird die Ironie ja im nächsten Abschnitt klar.

Jedenfalls hat sich das im Stadtteil Ohligs verortete Stadion am Hermann-Löns-Weg in den vergangenen sieben Jahren Stück für Stück in das Landschaftsideal von „Heidedichter“ Löns zurückentwickelt: in eine Heidelandschaft eben, samt typischer Vegetation. Und Schafen.

14 Jahre, von 1975 bis 1989, kickte die einst stolze Union hier in der zweiten Bundesliga. Viele weitere Spielzeiten im höherklassigen Amateurfußball folgten. Im Mai 2010 kam das abrupte Ende. Wohnhäuser sollten nach dem Willen der Stadt Solingen auf dem Stadiongelände entstehen. Doch diese hat sich, wenn man einem Kommentator Glauben schenken darf, bei diesem Vorhaben wohl ziemlich verrechnet.

Bislang wurde der Abriss jedenfalls immer wieder hinausgezögert. Anfang 2018 soll es nun wirklich, wirklich soweit sein. Bis dahin könnte man vielleicht noch einmal vorbeischauen. Oder sich dieses Video zu Gemüte führen:

Betr.: #AudiCup2017 – Fragen an @DasErste

Audi-Cup 2017

Diese fünf Fragen bezüglich eines Fußballturnieres in der Saison-Vorbereitung gingen soeben per Tele-Fax an die Pressestelle des Ersten Deutschen Fernsehens raus:

1. Erhält die ARD / Das Erste von Turniersponsor Audi finanzielle Unterstützung für die Übertragung?

2. a) Falls ja: Wie stellt sich diese dar?

b) Falls nein: Wieso übernehmen Sie die Bezeichnung „Audi Cup“ ohne Bindestrich in Ihre Berichterstattung? Sollten Markennamen, die nicht den Rechtschreibungs-Regeln der deutschen Standardsprache entsprechen, von einer Anstalt des öffentlichen Rechts nach journalistischen Maßstäben korrigiert (Beispiel: „Iphone“ statt „iPhone“) werden?

3. Wieso tangiert bzw. verletzt die an vielen Stellen (zum Beispiel in der Vorankündigung, Videotext, usw.) von Ihnen publizierte sowie mehrfach in der Live-Übertragung erwähnte Automarke nicht das gesetzliche Werbeverbot nach 20 Uhr?

4. Wie bewerten Sie den sportlichen Wert derartiger Freundschaftsspiele?

5. Wie rechtfertigt dieser eine Live-Übertragung zur so genannten Prime-Time in einem gebühren beitragsfinanzierten Medium?

Falls wir eine Antwort erhalten (wovon wir natürlich schwer ausgehen), würde sie an dieser Stelle unkommentiert veröffentlicht werden.

+++ Update (15. August 2017) +++ 

Das Schreiben hat offensichtlich den oder die richtigen Empfänger erreicht. Doch trotz dieser Ankündigung durch den Presse-Service von Das Erste via Twitter ist bislang leider keine Antwort bei uns per Mail oder Fax eingegangen. Sehr, sehr Schade.

 

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Guillermo Ochoa

Francisco Guillermo Ochoa Magaña hair
Ochoa? Genau, dieser mexikanische Torwart, der bei der WM 2014 und zuletzt beim Konföderationenpokal in Russland mit spektakulären Paraden auf sich aufmerksam machte (Bitte unterlassen Sie jegliche HIMYM-Vergleiche. Danke).

Francisco Guillermo Ochoa Magaña hat 2,54 Millionen Follower bei Twitter. Das sind einige Milliönchen weniger als die Leverkusener Erbse, aber: Doch, ja, das ist eine Hausnummer.

Zum Vergleich: Marc-André ter Stegen kann eine Followerzahl von 532 Tausend vorweisen, also etwa ein Fünftel. Und das, obwohl Ochoas Confedcup-Kontrahent Stammtorhüter bei einem der besten und gewiss auch populärsten Teams des Planeten ist.

Richtig absurd wird es, wenn man diesen Zahlen die des Twitter-Accounts von Ochoas neuem Arbeitgeber gegenüberstellt. Meinem Leib- und Magenverein Standard de Liège folgen dort 88 Tausend User. Ein Dreißigstel von Ochoas Wert. Aber immerhin etwa fünftausend mehr als vor diesem Tweet:

Zugegebenermaßen hat man bei Standard das Thema Social-Media lange verschlafen. Erst seit 2012 ist der zehnfache Landesmeister bei Twitter aktiv. Aber auch ohne diese Nachlässigkeit wäre mit organischem Wachstum vermutlich keine sehr viel größere Reichweite drin. Der belgische Markt ist von Natur aus klein, es gibt mehr Landessprachen als bekannte Spieler. Es fehlen Leuchtturm-Vereine, wie man sie etwa in Schottland oder bei den niederländischen Nachbarn findet. Der vor einigen Jahren installierte Ligamodus macht das Ganze mit seiner schieren Absurdität bestimmt nicht attraktiver.

Kurzum: Die Jupiler League und seine Vereine sind international schwer zu vermarkten. Wenn man sich nun noch vor Augen führt, dass Ochoa in der abgelaufenen La-Liga-Spielzeit bei Granada 80 Gegentore kassiert hat, könnte man zu der Erkenntnis kommen, dass der 31-Jährige zunächst einmal als Influencer und erst in zweiter Linie als sportliche Verstärkung verpflichtet wurde. Er möge mich Lügen strafen.

Fest steht auf jeden Fall, dass Journalismus an dieser Stelle mausetot ist und von den Clubs nur noch aus sentimentalen Gründen oder Gutmütigkeit toleriert wird. 2,54 Millionen. Uff.

Logan statt Logen – Hold Me Now

Fußball hat in der Republik Irland einen schweren Stand. Als Mannschaftssportart Nr. 3 oder 4 und der übermächtigen Premier League quasi in der direkten Nachbarschaft, werden die Spiele in der heimischen Elite-Liga nur selten von mehr als 3.000 Zuschauern besucht. In der Hauptstadt Dublin gibt es vier „große“ Vereine mit vergleichbarem Fanpotential, in den zu großen Teilen baufälligen Dalymount Park des Bohemian Football Club pilgern im Schnitt 2.000 Unentwegte.

Als inoffizielle Clubhymne wurde in der jüngeren Vergangenheit der bislang mit Abstand beste Wettbewerbsbeitrag beim Eurovision Song Contest adoptiert: Hold Me Now, Gewinner der Ausgabe von 1987. Vor einigen Jahren war Interpret und Komponist Johnny Logan dann tatsächlich einmal zu Gast, um gemeinsam mit den Fans zu, ähm, performen. Gänsehaut gefällig? Bitte sehr:

Halt mich fest, weine nicht, sag kein Wort. Zusammen singen ist aber ok.

Was geschah mit {coole Fußball-Webseite, mit Kolumnen und Zitaten}?

…fragte einst der Trainer. Dem Mann kann geholfen werden: Unter der URL verbirgt sich heute ein 0815-News-Portal. So weit so bedauerlich wie erwartbar.

Ein bisschen lebt der Geist der Blutgrätsche momentan aber an einem Baugerüst vor der legendären Sportschule Hennef weiter: