They tried to make me go to rehab, but I said…

Ich bin einigermaßen von mir selbst überrascht; oder auch nicht: Nachdem ich am Mittwoch noch absolut keine Lust auf das Turnier in Brasilien hatte, ist heute, nur drei Tage später, auch hier ohne Thermometer leicht erhöhte Temperatur messbar.

Dieser Zustand ist freilich nicht mit dem WM-Fieber von 1990 zu vergleichen. Weil man die rund um den Fußball geschehende Gesamtscheiße inzwischen besser einordnen kann, weil es tatsächlich immer schlimmer wird oder weil man als Erwachsener einfach generell viel von seiner Begeisterungsfähigkeit eingebüßt hat? Keine Ahnung, vermutlich spielt das alles mit rein.

Eine Weltmeisterschaft ist aber eben immer noch geil, #ESP vs #NED jetzt schon ein Klassiker und überhaupt. Machen wir uns nichts vor:

Mein Name ist Jens und ich bin süchtig.

Genauso wie ihr. Fußball ist unser Crystal Meth. Das Fernsehen unser Dealer. Wir bezahlen mit unserer ungeteilten Aufmerksamkeit und am Ende landet die Kohle bei Drogenbaron Sepp.

Hat man sich das erst einmal eingestanden, wird auch klar, warum wir einer “comichaft grotesken Organisation” wie dem Fußballweltverband scheinbar wirklich alles durchgehen lassen. Warum dieser zusammen mit Politik und nationalem Organisationskomitee die Bedenken von Millionen Brasilianern einfach aus dem Weg knüppeln kann. Warum selbsternannte Sportjournalisten im Campo Fernsehgarten noch nicht einmal mehr Distanz vortäuschen und Interviews mit den Beinen im Planschbecken führen.

Meth muss nun einmal auch nicht in parfümiertes Geschenkpapier mit Schleife verpackt werden, um in entsprechenden Kreisen reißenden Absatz zu finden.

Stand heute sage ich selbstverständlich, dass ich ein WM-Turnier in einem auf dem Rücken von Sklaven in die Wüste gerotzten Unrechtsstaat nicht schauen würde. Werde ich das am Tag des Eröffnungsspiels im Jahr 2022 immer noch so sehen? Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Nebelkerze Torlinientechnologie

Der 5. Juli 2012 könnte in die Fußballgeschichte eingehen: Die Mitglieder des International Football Association Board (IFAB) haben sich für die Einführung der Torlinientechnologie entschieden. Diese soll zunächst bei der Club-WM in Japan, beim Confederations Cup 2013 und auch bei der WM 2014 in Brasilien getestet werden. Erst danach wird entschieden, ob das Verfahren auch auf nationaler Ebene, also etwa in der deutschen Bundesliga, zum Einsatz kommt.

Eine revolutionäre Maßnahme, die den Fußball fairer und damit besser macht? Eher nicht.

Wie oft wird etwa im Laufe einer Bundesligasaison darüber gestritten, ob ein Schuss die Torlinie in Gänze überschritten hat? Gefühlt vielleicht an jedem zweiten Spieltag, die tatsächliche Häufigkeit dürfte noch darunter liegen. Das Wembley-Tor ist ja gerade deshalb seit Jahrzehnten Gesprächsthema, weil es so außergewöhnlich war.

Über einen 1990 im Römer Olympiastadion ertönten Elfmeterpfiff wird „an den Fußball-Stammtischen der Republik“ (sorry…!) hingegen so gut wie nie diskutiert. Klar, auch weil Deutschland davon profitiert hat. Darüber hinaus gibt es falsche und zweifelhafte Elfmeterentscheidungen einfach in fast jedem Spiel, sie sind sozusagen Fehlentscheidungsalltag. Gleiches gilt für das leidige Thema Abseits.

Die Torlinientechnologie wird den Fußball, wenn überhaupt, nur ein wenig gerechter machen. Das Beispiel Ukraine – England (EM 2012) – einem hinter der Linie geklärten Ball (Tatsachenentscheidung: kein Tor) war eine klare Abseitsposition vorausgegangen – zeigt ferner, dass dieses Tool auch für zusätzliche Verwirrung und Diskussionen sorgen kann.

Wenn man sich schon dafür entscheidet, die Qualität der Spielleitung mit technischen Hilfsmitteln zu verbessern, dann bitte auf breiter Ebene. Der alleinige Einsatz der Torlinientechnologie wirkt willkürlich und wie ein fauler Kompromiss.

75 Prozent FIFA Frauen-WM-Stadion Bochum

Liebe FIFA, liebes nationales Organisations-Komitee,

ich hätte da noch ein paar Fragen:

Wieso werden Plätze mit einer derartigen Aussicht

nicht als „sichtbehindert“ deklariert und dementsprechend günstiger verkauft?

Habt ihr Euch nicht ständig gegen Vergleiche mit dem Männerfußball gewehrt?*

Warum gibt es keine Ermäßigungen für Studenten und Schüler über 16?

30 Euro für ein Ticket in der günstigsten Kategorie für ein Gruppenspiel Äquatorialguinea + Brasilien – Männer gegen Australien? Really?

Wieso müssen bei Spielen unter der Woche Tausende Eintrittskarten an Schüler verschenkt werden, um die Stadien einigermaßen voll zu bekommen?

Und wer glaubt ernsthaft, dass nach dieser von ARD und ZDF bis zur Karikatur gehypeten WM außerhalb des Bankkontos von Frau Bajramaj irgendwelche positiven Effekte für den Frauenfußball bleiben werden?

*ich habe bei der WM 2006 Spiele für unter 30 Euro gesehen

Links KW 19 2011

Der ausgestreckte Mittelfinger (Meine Saison mit dem Fast-Absteiger)

Kneipenfick in Erkenschwick (Urban Waste)

Korruption im internationalen Fußball – „Was haben sie für mich?“ (taz.de)

Interview: Einblicke in die Arbeit eines Scouts (worum.rog)

Die Ohnmacht der Fans (5 Freunde im Abseits)

Der Fußball wird nie wieder so werden wie er noch nie gewesen ist.

Kneipenfick in Erkenschwick

No jokes with trains

Bei der Planung von PR-Aktivitäten immer im Hinterkopf behalten: Es sind diese kleinen Fehler, Pannen und Unzulänglichkeiten, die einem Unternehmen so etwas wie menschliche Züge verleihen. Da passt es wie Faust auf Eimer, dass die Deutsche Bahn eine prominente Vertreterin des schwachen Geschlechts bei ihren, nun ja, zweitklassigen Fußballbemühungen begleitet.

Neben Tante Hertha unterstützt der sympathische Hochleistungskonzern allerdings auch die deutsche Frauennationalelf respektive die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™ auf finanzielle Art und Weise. Als „nationaler Förderer“, wie es im verquasten Fifa-Sprech offiziell heißt.

Einfach nur mit Geld um sich zu werfen wäre aber irgendwie auch ein wenig langweilig, und so wird regelmäßig im monatlich erscheinenden Kundenmagazin „Mobil“ über das sich mit total angesagten Siebenmeilenstiefelchen in Wildlederoptik nähernde Event berichtet. In der aktuellen Ausgabe haben die Kommunikationsstrategen der Bahn nun offensichtlich den Höhepunkt ihrer kreativen Schaffenskraft erreicht:

 

Quelle: "Mobil", Nr. 03 2011, Seite 62

 

Naja, naja. Zumindest 4. und 6. würde ich aber vehement widersprechen wollen. Sonst noch jemand?

Immer gegen die Deutschen

Zur deutschen WM-Folklore gehört seit geraumer Zeit – neben dem beständigen Erreichen des Viertelfinales – das Beklagen vermeintlicher Fehlentscheidungen. Vor allem Platzverweise und Sperren sorgen immer wieder für Unruhe im DFB-Lager. Eine kleine Chronologie:

  • 1998 – Christian Wörns ist nicht nur gedanklich zu langsam für Davor Šuker und fliegt vom Platz. Berti Vogts wittert eine Verschwörung.
  • 2005 – Deutschlands Wunderstürmer Mike Hanke sieht im kleinen Finale des Confed-Cups den roten Karton und wird für die nächsten zwei Pflichtspiele gesperrt. Mangels Qualifikation ist das gleichbedeutend mit den ersten beiden Gruppenspielen bei der Heim-WM.
  • 2006 – Sugar Ray Frings wird unter skandalösen Umständen vom Weltverband IBF vom Halbfinal-Kampf gegen Italien ausgeschlossen. Der Schlachtruf „Nie wieder Pizza“ steht seitdem synonym für einen IQ unter Raumtemperatur.
  • 2010 – Der spanische Schiedsrichter bleibt unverständlicherweise seiner harten Linie treu und zeigt Miroslav Klose nach einem dämlichen Frustfoul die verdiente Ampelkarte. Der Facebook-Mob tobt.

Diese Fälle von sehr selektiver Wahrnehmung werden zusätzlich von einem Vorfall relativiert, der allerdings schon etwas länger zurückliegt. 45 Jahre um genau zu sein, und mir selbst war diese Episode bis vor kurzem überhaupt nicht bekannt. Da musste schon die kostenlose Android-App „Franz Beckenbauer Quiz“* [sic] um die Ecke kommen:

Na, wer weiß es?

Antwort B (also die zweite  von oben) ist richtig. Die Fifa hat einfach nonchalant auf die Sperre verzichtet. So etwas kann wohl nur einem ewigen Glückskind wie dem Franzl passieren. Ob sich die Fans des Finalgegners daraufhin in „Nie wieder Bratwurst“-Gesängen ergeben haben, ist hingegen nicht bekannt.

*bietet Spielspaß fur etwa eine mittellange Straßenbahnfahrt

Das zweitschönste Tor des Jahres 2010

Wenn ich mit immer mit dem Zweitbesten zufrieden gegeben hätte – der zweitbesten Parade, dem zweitbesten Abschluß, der zweitbesten Taktik, dem zweitbesten Verein…

…oder vielleicht dem zweitbesten Tor…

Über Geschmack lässt sich sicher nicht streiten. Und doch bin ich der Ansicht, das eigentlich der herausragende Treffer von Hammarbys Linus Hallenius den Puskás-Preis 2010 verdient gehabt hätte. Hallenius Treffer wurde aber nur auf Platz zwei gewählt, gewonnen hat bekanntlich Hamit Altintops Knaller gegen Kasachstan. Auch ein „geiles Tor“ (W. Hansch), natürlich, aber wenn es ein Ereignis aus der zweiten schwedischen Liga auf die FIFA-Agenda schafft, muss schon etwas ganz Besonderes passiert sein. Ach, bildet euch selbst eine Meinung:

Cyber-Panini

Panini. Ein Thema, das durch 11Freunde und Co. in den letzten Jahren eine mittelgroße Renaissance erlebt hat.

Zu meiner eigenen fußballerischen Sozialisation haben die Klebebildchen indes nur marginal beigetragen. Ich erinnere mich an eine Begebenheit Mitte der 80er, als ich beinahe aus dem örtlichen Zeitschriftenladen geschmissen worden wäre. Aber was sollte ich machen? Die Freude über den letzten noch fehlenden Bayern-Spieler musste eben auch akustischen Ausdruck finden. Das war vermutlich auch das letzte mal, dass ein Erdenbürger durch Hans-Dieter „Hansi“ Flick zu Jubelstürmen verleitet wurde.

Nach dieser Saison war dann aber auch schon wieder Schluss – zu teuer. Ich beschloss, mein knappes Taschengeld fortan in wesentlich sinnvollere Dinge zu investieren. Etwa in Masters-of-the-Universe-Figuren. Oder Game-Boy-Spiele (später). Oder Metallica-T-Shirts (noch später).

Für alle, die das Suchtpotential auch 2010 skeptisch betrachten und Angst vor dem finanziellen Ruin haben (immerhin 60 Cent kostet eine Fünfer-Packung aktuell), hat Mutter FIFA herself ein nettes Surrogat programmiert: Das virtuelle Panini-Sticker-Album zur WM 2010.

Man startet mit drei Päckchen und jeden Tag kommt ein neues hinzu. Die Mannschaftskader bestehen – logischerweise – aus elf Spielern, das Verbandswappen gibt es als Bonus, wenn ein Team komplett ist. Wie im echten Sammlerleben müssen die Tütchen aufgerissen und jedes einzelne Flash-Bild fein säuberlich ins Album geklebt werden, so dass auch Puristen auf ihre Kosten kommen. Nette Geschichte.

Wer Lust hat, Dubletten in einer Sammel-Gruppe zu tauschen, bitte in den Kommentaren oder über twitter melden. 82P7W65JZ7JJ

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