Bremer Unterkurs

Wir hätten auch den Titel holen können in diesem Jahr.

Hat wer am Wochenende gesagt? Na?

Natürlich Thomas Klaus Allofs. Ausgerechnet Klaus Allofs. Und klingt dabei so charmant wie einer jener frischgebackenen Abiturienten, die ungefragt ihre miese Durchschnittsnote rechtfertigen: „Aber nur, weil ich so wenig gelernt habe.“

Um nicht falsch verstanden zu werden – klar hätte Werder Bremen in dieser Saison die Meisterschaft gewinnen können. Theoretisch. Wie 17 andere Bundesligisten übrigens auch, vielleicht hat ihm das vorher keiner erklärt. Die Hanseaten hätten auch die Copa Libertadores holen können. Oder den Bodensee-Cup. Oder Ailton. Hätte hätte Beruhigungstablette.

Solche Leute sind früher völlig zurecht zu keiner Party eingeladen worden. Aber was macht das Nürnberger Fachmagazin? Stimmt dem kauzigen Alt-Pennäler nicht nur zu, sondern widmet seinem Luftschloß sogar einen ganzen Artikel. Dazu fällt mir dann nicht einmal mehr ein blöder Spruch ein.

Novizen

Bekanntlich konnte die Liste der deutschen Meister mit dem VfL Wolfsburg zum ersten mal seit fast 40 Jahren einen Neuzugang verzeichnen. Zuletzt trat dieser Fall 1970 ein, als die Gladbacher Fohlen die Schale an den Niederrhein holen konnten.

Und anderswo? Der Blick auf die Top Ten unter Europas Fußballnationen bringt doch einige interessante Erkenntnisse (Russland und die Ukraine habe ich aus Gründen der Witzlosigkeit übersprungen, dafür sind in dieser Tabelle unsere deutschsprachigen Nachbarländer vertreten):

Nation letzter Neo-Meister Jahr
Deutschland VfL Wolfsburg 2009
Rumänien Unirea Urziceni 2009
Österreich RB Salzburg 2007
Frankreich Olympique Lyonnais 2002
Portugal Boavista FC 2001
Spanien Deportivo La Coruna 2000
Schweiz FC Sion 1992
Italien UC Sampdoria 1991
Griechenland AE Larisa 1988
Niederlande AZ 1981
England Nottingham Forest 1978
Türkei Trabzonspor 1976

Dass Larisa Ende der 80er in die Phalanx der Teams aus Athen und Thessaloniki eindringen konnte, war mir z.B. nicht bekannt. In der Türkei wurden bislang überhaupt erst vier verschiedene Landesmeister gekürt und in Salzburg verzichtete man auf sämtliche Titel der Austria, von der das Mateschitzsche Brauseimperium die Lizenz übernommen hatte („Das ist ein neuer Klub. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv.“ – Der Standard, 2.8.2005).

Aktuell spielen übrigens zehn der zwölf aufgeführten Clubs in der jeweils höchsten Liga. Lediglich Nottingham Forest kämpft in der zweitklassigen Championship um Punkte, während Boavista nach einem Zwangs-  (Schiedsrichterbestechung) und einem sportlichen Abstieg sogar bis in die dritte Liga abgestürzt ist.

Bundesliga-Orakel 09: Blogger vs. Bookies

Auch wenn das große  Bundesliga-Eröffnungsspiel eher mäßig interessant erscheint: Das Radler ist kaltgestellt, Steffen Simon plappert sich im Hintergrund bereits in seinen ersten Leerlauf. Ja, sie kommt etwas spät, aber sie kommt – die große Bundesliga-Prognose von Stadioncheck.de. Zunächst lassen wir anerkannte Fußball-Blogger das Wort ergreifen:

RWE-Fan Uwe (Im Schatten der Tribüne) hört die Bagger schon rollen:

Dass das Auftaktspiel der Bundesliga gleich eine heiße Angelegenheit wird, ist eher dem Wetter geschuldet als der Paarung. Eine Idee der Medien, die dieses Spiel fast schon zum Derby mutieren lassen, hat doch Armin Veh auch einmal den VfB trainiert . Somit ist auch klar, der VfL Wolfsburg hat noch keine eigenen Ecken und Kanten entwickelt.

Dummerweise habe ich ja mit der Bundesliga eher marginal zu tun, bin ich doch in den Niederungen des Fußballs zu Hause. Somit leide ich subjektiv gesehen recht wenig, kann aber objektiv zu allem meinen Senf abgeben. Der Nachteil: Kaum jemand spricht mit mir über den RWE oder winkt beim SV Eintracht Nordhorn fragenden Blickes ab. Folgende Konstellationen halte ich für realistisch:

Meister wird der FC Bayern, der Essener Nachbarverein natürlich nicht.

Wie auch? Das schafft Felix Magath dann in 4 Jahren mit der TSG Hoffenheim. Bis kurz vor Saisonende bleiben aber der VfB Stuttgart, die Dortmunder Borussia, sowie der HSV und auch S04 an den Bayern dran. Überraschungspotential Richtung Tabellenspitze finde ich zusätzlich beim SV Bayer aus Leverkusen und ihrem entspannten Trainer Jupp Heynkes, und nach dem Pokalauftritt auch wieder beim SV Werder. Auch wird der VfL Wolfsburg natürlich weiter oben in der Tabelle zu finden sein.

Hertha BSC und auch die TSG aus Hoffenheim werden in das Mittelmaß zurückfallen und sicherlich auch zu den ersten Vereinen gehören, bei denen Mirko Slomka in`s Gespräch gebracht oder Lothar Matthäus sich in`s Gespräch bringt.

Bleiben die Vereine, die sich für mich um Relegation und/oder Abstieg streiten: Für den Club aus Nürnberg und die Gladbacher Borussia sehe ich gute Chancen, der VfL Bochum bleibt drin. Bleiben noch der SC Freiburg, Mainz 05 und Hannover 96. Aber, es kann und wird sicherlich alles wieder ganz anders kommen.

Wenn ich nun 2 Ligen überspringe, ja dann bin ich in Essen, an der Hafenstrasse und somit bei Rot Weiss Essen angekommen: Hier gibt es nicht viel zu spekulieren: Es zählt nur der Aufstieg. Und das wird ein solch schwieriges Unterfangen, so dass ich mit heutigem Wissensstand nicht an diesen Erfolg glaube. Extrem groß der Druck auf den Teamchef Strunz und die Mannschaft. Andererseits sind aber viele positive Signale zu vernehmen wie seit Jahren nicht mehr. Vielleicht musste dieser völlige Absturz kommen, um einen Neuanfang zu starten. Und ganz wichtig: Das Stadion kommt. Es wird sogar gebaut. Ab Morgen, den 8.8.09. Ehrlich!…..

Jens (catenaccio.de) setzt auf den Titelverteidiger:

Meister werden wieder die Wolfsburger. Auf einigen Positionen ergänzt und die Keyplayer behalten. Der Trainer hat ebenfalls Meisterschaftserfahrung, also wirds was mit der Titelverteidigung!
Wer schafft es in die CL/EL? Eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Da kommen rund 10 Mannschaften für die Plätze in Frage.
Für die Aufsteiger wird es schwer werden. Nürnberg, Mainz und Freiburg sind die Topkandidaten für den Fahrstuhl nach unten. Bochum und Gladbach werden es ebenfalls schwer haben.
Ich hoffe, dass man (Bayer Leverkusen, d. Red.) um die internationalen Plätze mitspielen darf. Realistisch ist eher ein Platz zwischen 7 und 10.

Bucksen (Chancentod.net) ist offenbar einer der wenigen FC-Anhänger, die sich erfolgreich gegen die Poldie-Manie gewehrt haben:

Nur noch wenige Stunden und der Ball rollt wieder. Gerade für mich als Anhänger und Mitglied des 1.FC Köln ist es schön auch in der 2. Saison noch die Stadien der 1. Bundesliga sehen zu dürfen. „Du kennst Leid? Ich bin FC Fan!“. Sicher haben wir uns mit Podolski, Freis, Schorch, Maniche gut verstärkt, aber viel mehr als letzte Saison denke ich ist da nicht drin. Aber ich lass mich auch gerne überraschen…

Nachdem die Wolfsburger nun letztes Jahr Ihre erste Meisterschaft feiern durften, sieht es für mich dieses Jahr eher nach einem Vierkampf um die Meisterschaft aus. Auch wenn sich der FCB natürlich gut verstärkt hat, sehe ich auch den amtierenden Meister, sowie den HSV und Stuttgart oben mitspielen. Jedoch sehe ich, dass gerade bei den Bayern durch ihre „Stars“ und einen Trainer, der keine Rücksicht auf diese nimmt, noch viel „FC Hollywood“ diese Saison auf uns zukommen wird. Der BVB könnte durchaus eine Überraschung werden diese Saison, da könnte sogar an der Euro League geschnuppert werden.

Schalke wird trotz Meistertrainer sich diese Saison nicht weiter nach Oben in der Tabelle vorarbeiten. Ich sehe sie sogar noch 1-2 Plätze schlechter. Die Mannschaft ist ein zusammengewürfelter Haufen und da schafft selbst Magath in einer Saison keine Wunderdinge. Diese Truppe muss sich erst noch finden und ob der junge Holtby als einziger Neuzugang da das Ruder rumreißen kann, mag ich zu bezweifeln.

Ganz schwer werden es meiner Meinung nach dieses Jahr Hannover, Freiburg, Bochum und Mainz haben. Auch der Club wird bis kurz vor Ende mit zittern müssen, aber werden es am Ende schaffen.

Heinz Kamke (Angedacht) sieht den VfB Stuttgart um einen Europapokal-Platz kämpfen:

Ich tippe auf die Bayern, weil ich glaube, dass van Gaal weiß, was er tut, und weil Gomez nach Belieben treffen wird. Bei Bochum befürchte ich, dass die Mannschaft zu schwach ist, bei Gladbach traue ich dem Trainer wenig zu.

1 Bayern 2 Wolfsburg 3 Stuttgart 4 Hoffenheim 5 Werder 6 HSV…
16 Mainz 17 Gladbach 18 Bochum

Für den VfB hoffe ich auf Platz 3-5 und halte 3-7 für realistisch. Ich gehe davon aus, dass Hleb eine gute Saison spielt und hoffe, dass die Diskussionen über seine Zukunft nach der Leihsaison nicht zu rasch alles überlagern. Pogrebnyak wird stark von ihm profitieren und eine gute Torquote erreichen. Ebenso Julian Schieber, hoffe ich.

Offen ist die Frage, wie man mit der irgendwann anstehenden ersten Krise der Ära Babbel umgeht, wenn besagter Babbel die halbe Woche in Köln ist.

Andre (spielfeldrand-magazin.de) schätzt die Chancen seines 1. FC Köln ähnlich nüchtern ein wie sein Kollege Bucksen:

1. FC Bayern München
2. Hamburger SV
3. Werder Bremen
4. FC Schalke 04
5. VfL Wolfsburg
6. Bayer 04 Leverkusen
7. VfB Stuttgart
8. Borussia Dortmund
9. 1899 Hoffenheim
10. Hertha BSC
11. 1. FC Köln
12. Hannover 96
13. SC Freiburg
14. Borussia Mönchengladbach
15. FSV Mainz 05
16. 1. FC Nürnberg
17. Eintracht Frankfurt
18. VfL Bochum

Mit der Verpflichtung von Poldi und Maniche lastet natürlich riesiger Druck auf dem FC. Allerdings sehe ich nur wenig Luft nach oben. Nur Hannover kann man im Vergleich zum Vorjahr noch überholen. Zudem fehlte uns Novakovic sehr, Maniche wird noch Zeit brauchen, nachdem er Monate ohne Spielpraxis war und Geromel fällt ja auch erstmal aus. Zudem wirkt Poldi noch nicht so übermäßig dominant. Es wird kein Spaziergang, aber mit dem Abstieg sollten wir trotzdem nichts zu tun haben.

:: Aber was meinen Bwin und Co.?

Betrachtet man die Durchschnittsquoten für die Langzeitwette „Wer wird Deutscher Meister 09/10?“, ergibt sich für das obere Tabellendrittel folgende Reihenfolge:

1. Bayern München 1,60
2. FC Schalke 04 9,65
3. SV Werder Bremen 11,62
4. VfL Wolfsburg 13,53
5. Hamburger SV 15,94
6. VfB Stuttgart 16,50

Auch hier sind die Bayern also die haushohen Favoriten. Etwas überrascht bin ich über die positive Einschätzung des FC Schalke. Trotz Magath sehe ich das Team maximal auf Rang vier.

Auf den Absteiger Nr. 1 kann ebenfalls getippt werden, allerdings nur bei zwei Wettanbietern. Dieses Bild sollte also mit Vorsicht genossen werden:

14. 1.FC Nürnberg 3,25
15. Borussia Mönchengladbach 2,81
16. VfL Bochum 2,00
17. SC Freiburg 1,96
18. 1. FSV Mainz 05 1,59

Ein dickes DANKESCHÖN an alle Netzmeister, die den Spaß doch recht kurzfristig mitgemacht haben! Leider musste ich die Antworten teilweise etwas kürzen, der Beitrag wäre sonst zu lang geworden. Ich denke aber, dass sich alle Kern-Aussagen im Text wiederfinden lassen.

Und nachdem nun sämtliche Meinungen zu potentiellen Europapokalteilnehmern und sicheren Absteigern ausgetauscht sind, brennt mir nur noch folgende Fragen unter den Nägeln:

Wen um alles in der Welt werden die 110-Jährigen zu den 17 anderen Bundesliga-Helden auf den Rasen schicken?

Egal. Auf geht’s!

∅-Quote
1. Bayern München 1,6
2. FC Schalke 04 9,65
3. SV Werder Bremen 11,62
4. VfL Wolfsburg 13,53
5. Hamburger SV 15,94
6. VfB Stuttgart 16,5

Oops!… We Did It Again

anti-anderlecht

Nombre 10!

Standard besiegt im zweiten Entscheidungsspiel den Erzrivalen Anderlecht mit 1:0 und verteidigt dadurch seinen Titel! Der erste Vergleich in Brüssel endete am Donnerstag 1:1.

Das Gute hat also die Oberhand behalten. Ein Erfolg, mit dem nach den Abgängen von Dante (Mönchengladbach), Fellaini (Everton) und nicht zuletzt Trainer Michel Preud’homme kaum zu rechnen war.

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Ende einer Durststrecke

Standard de Liège v RSC Anderlecht 2:0

Als Spieler gefeierter Star, als Trainer belächelter Versager droht auch Michel Preud’homme dieses loddaeske Schicksal? Die lokale Sportpresse ließ zuletzt jedenfalls kein gutes Haar an Standard Lüttichs Übungsleiter. Vom verschenkten Double war die Rede, weil er unter der Woche im Pokal-Halbfinale in Gent etliche Stammkräfte schonte und mit 0:4 unterging. Die Verfolger aus Brügge und Brüssel-Anderlecht witterten Morgenluft im Titelkampf.

Jupiler League 2007/2008, 31. Spieltag
Lüttich / Belgien: Stade Maurice Dufrasne (»Sclessin«), 20. April 2008
27 500 Zuschauer (ca. 2 500 Gäste)

Nie habe er »das Herz Frankreichs so stark schlagen gehört wie hier«, schwärmte Frankreichs ehemaliger Präsident Georges Pompidou einst während eines Staatsbesuches. Seine Liebeserklärung an die Stadt an der Maas kommt nicht von ungefähr: Unzählige Bistros und Brasserien, eine beachtliche Museumslandschaft oder seine engen, chaotischen Gassen verleihen Lüttich, oder besser Liège, tatsächlich diesen gewissen Hauch von »Savoir-vivre«.

Doch dieser Eindruck schwindet schnell, wenn man das Zentrum verläst und sich dem Stadtteil »Sclessin« nähert. Hier, in Standards Heimat, hat der Niedergang der Stahlindustrie überdeutlich seine Spuren hinterlassen. So in etwa muss es früher im Ruhrgebiet ausgesehen haben – vor dem Strukturwandel. Das Erlöschen der Hochöfen hat Tausende Sclessiner gen Flandern getrieben, in Richtung Arbeit. Standards Festung mit ihren drei unfassbar steilen Rängen und seine Getreuen, die diesen Ort jedes zweite Wochenende mit Leben füllen, sind so etwas wie die letzten Farbkleckse im trostlosen Grau von Abbruchhäusern, Alltagssorgen und Industrieruinen.

Knapp 40 Minuten vor Anpfiff erbebt das Stade Maurice Dufrasne, das hier aber jeder »Sclessin« nennt, zum ersten Mal in seinen Grundfesten. Selbst an den Imbissständen auf dem Stadionvorplatz durchschneidet kindliche Begeisterung die bratölgeschwängerte Frühlingsluft. Die wenigen Ahnungslosen bekommen auf Nachfrage das Endergebnis der anderen Sonntagspartie entgegengebrüllt: Der FC Brügge ist in Gent nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen. Das bedeutet, dass nicht irgendwann, sondern hier und heute eine bis dato fantastische Saison ohne eine einzige Niederlage gekrönt werden kann. Mit einem Sieg gegen Anderlecht, gegen den Erzrivalen, gegen die verhassten »Violetten« aus der Millionen-Metropole, die sich in Belgien über die Jahre ein ähnliches Dusel-Image aufgebaut haben wie der FC Bayern hierzulande.

Keine Tore im ersten Abschnitt

Der Anstoß erfolgt mit deutlicher Verspätung, da simultan zum Einmarsch der Teams zahllose bengalische Fackeln den Weg in den Innenraum der Arena gefunden haben. Minutenlang hat der emsige Ordnungsdienst alle Hände voll zu tun, die einem glühenden Lavafeld gleichende Spielfläche zu säubern. Zudem wird Standards Kapitän, der erst 20-jährige Steven Defour, zwischen Tür und Angel als »Fußballer des Jahres« ausgezeichnet. Seine Trophäe erhält er von keinem geringeren als Zinédine Zidane. Für die passende Untermalung der grotesk anmutende Zeremonie sorgen sanfte Klänge aus der Feder von Deutschlands erfolgreichstem Musik-Export »Scooter«. Selbst langjährige Anhänger quittieren das Schauspiel mit achselzuckender Ratlosigkeit ─ Zizous Motivation und dessen Beziehung zu den Gastgebern werden wohl für immer ungeklärte Mysterien bleiben.

Als der Ball endlich rollt, scheint es, als haben sich die Protagonisten von der allgegenwärtigen Hektik anstecken lassen. Zwar ergeben sich auf beiden Seiten einige Torchancen, diese sind aber ausnahmslos ungeordneten Abwehrreihen und vogelwilden Torwartaktionen geschuldet. Von durchdachten Angriffen ist kaum etwas zu sehen, ein 0:0 zur Pause die logische Konsequenz.

»Préparez votre Kleenex!« ist auf einem Spruchband im Gästeblock zu lesen ─ »Haltet eure Taschentücher bereit!«. Besser lässt sich diese Mischung aus hauptstädtischer Arroganz und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Rekordmeisters kaum in einer Parole konzentrieren. Seit nunmehr 25 Jahren muss das Aushängeschild des wallonischen Fußballs derartige Schmähungen ertragen.

1983 gelang Standard letztmalig der große Wurf, danach machte ein exklusiver Kreis von sechs flämischen Clubs die Meisterschaft unter sich aus. Der Großteil des aktuellen Kaders war damals noch nicht einmal geboren. So besitzt die heutige Startelf ein Durchschnittsalter von 22,7 Jahren. Dieser im europäischen Spitzenfußfußball einzigartige Wert ist das Resultat konsequenter Nachwuchsförderung in einer hochmodernen Fußballakademie.

Happy Hardcore und glückliche Sieger

Nach dem Wechsel spiegelt sich dieser jugendliche Elan endlich auf dem Platz wieder. Preud’homme scheint in der Kabine die richtigen Worte gefunden haben, denn Angriff um Angriff rollt jetzt in Richtung Gästetor. Beinahe zwangsläufig gelingt Dieumerci Mbokani in der 54. Spielminute der Führungstreffer. Sein Flugkopfball, wuchtig und elegant zugleich, veranschaulicht eindrucksvoll die Qualitäten der jungen Mannschaft.

Auf den Rängen fallen die unmittelbar dadurch ausgelösten Ovationen zwar ausgelassen, aber doch relativ gewöhnlich aus. Erst nach einer kurzen Atempause, nach einem Moment des Begreifens, explodiert das Stadion förmlich. Als ob sich dieses Vierteljahrhundert der Demütigungen und Enttäuschungen kollektiv entladen würde, erzeugen 25 000 Fanatiker eine in unseren Breiten nicht für möglich gehaltene Gänsehaut-Atmosphäre.

Angetrieben von diesem einmalig enthemmten Publikum gelingt es der Heimelf, einen in solchen Spielsituationen oft begangenen Fehler zu vermeiden. So igelt sie sich eben nicht hinten ein, sondern stürmt unbekümmert weiter. Das stolze Anderlecht wird vorgeführt. Als wiederum Mbokani auf 2:0 erhöht, lösen sich auch die letzten Zweifel in Luft auf. Hektoliterweise quillt nun Herzblut von Sclessins Steilwänden, Lüttich besäuft sich an sich selbst.

Mit dem Schlusspfiff brechen alle Dämme. Nun wird deutlich, wie viel wahrer Genuss mit Verzicht zu tun hat. In Brügge und Brüssel werden Veränderungen am Vereins-Briefkopf unaufgeregter und routinierter zur Kenntnis genommen. Tausende klettern über Werbebanden und Zäune, der Rasen verwandelt sich immer mehr in ein wildes, vor Glück brodelndes Menschenmeer. Für zumindest etwas Struktur sorgen die 180 BPM des abermals eingespielten Teutonen-Technos.

Mitten in dieser improvisierten Meisterfeier diktiert der Welttorhüter von 1994 den Reportern in die Blöcke, dass der nun feststehende Titelgewinn »einem Wunder« gleiche. Demütig habe er den Herrgott direkt nach dem Aufstehen um die vorzeitige Entscheidung gebeten. Keine Frage, dem Mann, der schon als Profi »der Heilige« genannt wurde, haftet auch heute noch etwas Klerikales an. Und spätestens als sein Name unaufhörlich durch die Lütticher Fußballkathedrale hallt, muss selbst der kritischste Schreiberling eingestehen: alles richtig gemacht, Sankt Preud’homme!

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