Ortstermin #Fußballkultur: Sané – Déplacer les buts

Lost Places sind cool. Vor sich hin gammelnde Fußballplätze sind cool. Die Schnittmenge aus beiden natürlich der Hammer. Kann man nun noch die Verbindung zu einem bekannten Namen herstellen, wird die Angelegenheit sogar ein Thema für diese Seite.

:: Hollandes Sparzwänge

Im Oktober 2013 verkündete das französische Verteidigungsministerium die Auflösung des 110. Infanterieregiments. Eine hierzulande vernachlässigbare Meldung, wäre jenes nicht als Teil der Deutsch-Französischen Brigade im südbadischen Donaueschingen stationiert gewesen.


Kasernengebiet zwischen Villinger Str., Hindenburgring und Friedhofstr.

Genau 50 Jahre waren die Franzosen für die 21.000 Einwohner-Stadt und die umliegenden Gemeinden ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Und darüber hinaus bei der restlichen Bevölkerung überaus beliebt. Aus und vorbei – die überwiegende Mehrheit der zuletzt rund Tausend Soldaten und Zivilangestellten sagte bereits 2014 zum letzten mal au revoir.

Über die zukünftige Nutzung des Areals wurde bislang nicht endgültig entschieden, die Verantwortlichen geben sich trotz der bevorstehenden Mammutaufgabe aber betont gelassen. Wohnen, Gewerbe, Mischnutzung – vieles scheint möglich. Vergangenen Sommer führte eine Lokalzeitung erstmals eine Gruppe interessierter Bürger über das riesige Gelände mit seinen knapp fünfzig Gebäuden.

Ende Mai 2015 sind noch einige wenige Wohnungen direkt hinter dem Eingangsbereich der Foch-Kaserne bewohnt. Eine Notbesatzung ist damit beschäftigt, die ordnungsgemäße Übergabe und Abtransporte zu organisieren. Dürfen wir hier überhaupt sein? Es gibt keine Wachen mehr, klar. Doch nach wie vor verbieten nicht zu übersehende Schilder bilingual das Betreten des Terrains. Sich einfach nicht erwischen lassen ist vielleicht eine gute Idee.

:: Auf den Punkt kommen

Ach ja, das hier ist ein Fußballblog. Und ein bisschen Promi-Glitzer hatte ich ja auch angedeutet. Gestern Abend hatte einer der – persönliche Meinung – wichtigsten Protagonisten der Bundesliga in der Nachwendezeit einen seinen selten gewordenen Auftritte im deutschen Fernsehen. Live aus seinem ehemaligen Wohnzimmer, in dem gut zwei Stunden später einem seiner Söhne ein Meisterpokal überreicht werden sollte.

Für Schnellmerker: Die Rede ist von Souleymane „Samy“ Sané. Und bevor dieser in Freiburg und noch etwas später in Bochum 6 für Schlagzeilen und vor allem Tore sorgte, leistete er am Rande des Schwarzwalds seinen Militärdienst ab. Als Teil des 110. Infanterieregiments.

Ohne es beweisen zu können: Die ersten Tore auf deutschem Boden dürfte der Mann mit den 51 Bundesligatreffern auf einem denkbar unglamourösen Kasernensportplatz als Mitglied der Kompaniemannschaft erzielt haben. Und diesen Platz gibt es immer noch.

Sogar eine kleine Tribüne ist vorhanden, deren massive Betonstufen ihre besten Tage allerdings hinter und die sich auf der Rückwand austobenden Graffitikünstler hoffentlich noch vor sich haben. Die Laufbahn ist uneben, der Rasen wird nur selten und im unmittelbaren Torbereich gar nicht mehr gemäht. Vor sich hin gammelnde Fußballplätze sind cool.

Genug gelabert – Fotos (zum Vergrößern anklicken):

Militärgelände - Zutritt verboten

Belanglos im Ersten

Noch nie Dagewesenes trug sich am Samstag während des Bundesligaspiels in Wolfsburg zu, sämtliche Vereinschroniken des 1. FC Nürnberg müssen jetzt zwangsläufig neu geschrieben werden. Acht mal haben die Glubberer in der ersten Spielhälfte versucht, die Kugel im Wolfsburger Gehäuse unterzubringen, was nicht weniger als einen neuen Vereinsrekord darstellt. Behaupten die Weltklasse-Journalisten der Sportschau.

Jeder Bambino weiß: Die Anzahl der Schüsse in der ersten Halbzeit ist eine der wichtigsten Kennziffern im Fußballsport überhaupt. Da verwundert es nicht, dass die vor Glück besoffenen Franken im zweiten Abschnitt noch drei Treffer erzielen und das Duell für sich entscheiden konnten. Dennoch bleibt der überraschende Auswärtserfolg an diesem sporthistorischen Tag nicht mehr als eine kleine Randnotiz.

Ich habe nichts gegen Statistiken. Wirklich nicht. Ganz im Gegenteil. Irgendeine Art von Gehalt sollten sie allerdings schon haben. Gleichwohl ist die Debatte über Sinn und Unsinn solch sperriger Superlative die eine, deren Wahrheitsgehalt noch einmal eine ganz andere Sache. Bei Freiburg oder Mainz würde ich wohl gar nicht auf die Idee kommen, daran zu zweifeln. Aber wir reden hier immerhin vom Glubb. Traditionsverein, Neunmaliger, Gründungsmitglied, Abstieg als Titelträger, you name it.

Wie darf man sich die Ermittlung des nun gebrochenen Rekordwertes vorstellen? Jahrzehntelanges Stöbern nach verstaubten Radiomitschnitten auf den Dachböden Nürnberger Privathaushalte samt anschließender Auswertung? Oder hat man sich vielleicht doch eher auf eine von Reinhold Beckmann angefertigte Privatkopie der ran-Datenbank verlassen und die Zeit vor Beginn der Aufzeichnungen nonchalant unter den Tisch fallen lassen? The answer my friend…

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Schaafschützen

Am 10. Mai 1999 übernimmt Thomas Schaaf das Traineramt beim stark abstiegsbedrohten SV Werder Bremen. Sein glückloser Vorgänger Felix Magath war seinerseits erst während der Saison als Feuerwehrmann verpflichtet worden. Mit Schaaf gewinnt die zuvor allzu oft verunsichert auftretende Truppe drei der verbleibenden vier Spiele*, schafft so den Klassenerhalt und triumphiert dann sogar im Pokalfinale über den FC Bayern.

Heute, gut zehn Jahre, eine Meisterschaft und zwei Pokalsiege später, leitet der gebürtige Mannheimer noch immer die Trainingseinheiten beim SVW. Der Verein gilt mit dem aktuellen Kader abermals als Titelaspirant. Vor allem aber hat sich das Schaafsche Werder die Reputation einer wahren Angriffsmaschine erarbeitet, oder vielmehr erspielt.

Dabei waren Trainer und Manager immer wieder gefordert, hochkarätige Abgänge im Offensivbereich durch kluge Neuverpflichtungen zu kompensieren. Mit Erfolg: Klose kam für Ailton, Micoud übergab seinen Taktstock an Diego, den wiederum momentan ein Junge aus Gelsenkirchen vergessen macht. Allen Personalwechseln zum Trotz scheinen Kantersiege wie das jüngste 6:0 beim SC Freiburg an der Tagesordnung zu sein. Höchste Zeit, diesem Gefühl statistisch auf den Zahn zu fühlen.

Nach akribischer Sichtung von Abschlusstabellen und Ergebnislisten steht fest: Werder hat seit Schaafs Amtsantritt tatsächlich die meisten Treffer erzielt. Satte 701mal** ließen es die Weserkicker im gegnerischen Kasten klingeln. Der Rekordmeister liegt mit 698 Toren allerdings fast gleichauf. Auch die Ausbeute der für ihre Spielstärke bekannten Leverkusener kann sich sehen lassen. Deutlicher abgeschlagen sind hingegen die anderen sechs Vereine, die seitdem durchgängig im Oberhaus aktiv waren.

Eindrucksvoller als diese absoluten Zahlen ist aber meiner Meinung nach der Vergleich der Bremer Offensivstärke mit dem Ligadurchschnitt. So zeigt sich, dass die Ausbeute der Norddeutschen in jeder der zehn komplett von Schaaf gecoachten Spielzeiten über selbigem lag:

Saison Schnitt SVW Ligaschnitt *** Differenz
98/99 2,00 1,79 0,21
99/00 1,91 1,42 0,49
00/01 1,56 1,45 0,11
01/02 1,59 1,45 0,14
02/03 1,50 1,33 0,17
03/04 2,32 1,44 0,89
04/05 2,00 1,42 0,58
05/06 2,32 1,49 0,83
06/07 2,24 1,32 0,92
07/08 2,21 1,36 0,85
08/09 1,88 1,44 0,45
09/10 2,23 1,28 0,95
Gesamt 1,96 1,41 0,55

Der Gesamtwert beweist, dass die Norddeutschen in den letzten 357 Bundesligapartien jeweils ein halbes Tor mehr als der Durchschnittsclub erzielt haben. Das sind umgerechnet knapp 19 pro Spielzeit. In den 13 bislang absolvierten Runden der laufenden Saison kommt Werder auf einen Schnitt von 2,23 Toren.

Doch lassen diese beeindruckenden Zahlen auch einen direkten Zusammenhang mit dem sportlichen Abschneiden erkennen? Die Antwort ist ein ganz klares „Jein“:

Erzielte das Team also über 70 Treffer, was vier mal der Fall war, eroberte es stets einen Podestplatz. Waren es weniger als 60,  bedeutete das zweimal den sechsten und einmal den siebten Rang. Uneindeutig zeigen sich auf den ersten Blick die drei Spielzeiten, in denen die „Fischköppe“ zwischen 60 und 70 Torerfolge bejubeln durften. Eine Deutung der Diskrepanz zwischen Position drei, neun und zehn würde zumindest das Heranziehen der Abwehrleistungen erforderlich machen. Doch um diese soll es ja in diesem Text nicht gehen.

Besonders anschaulich manifestiert sich die Hanseatische Angriffswucht in der hohen Anzahl Spiele, die mit vier oder mehr eigenen Toren beendet wurden. Enorme 60mal war das der Fall, also ziemlich genau bei jedem sechsten Auftritt.

In dieser Kategorie kann selbst der Branchenprimus aus München nicht mithalten. Schalke und Hertha erreichen mit einem Wert von 19 noch nicht einmal ein Drittel des Bremer Benchmarks. Erklärtes Lieblingsopfer der Grün-Weißen ist Hannover 96. In sieben von gerade einmal 15 Aufeinandertreffen bekamen die bemitleidenswerten Niedersachsen so richtig die Hütte voll.

Wer Werder Bremen zugeneigt ist, kann sich dieses schwere Los also damit schönreden, mathematisch belegbar den besten Sturm der Bundesliga zu besitzen. Uns Schalke-Fans könnten hingegen die Worte eines hippophilen Rekordnationalspielers trösten: „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es gerade muss.“


* Bei diesen vier Partien handelt es sich um die Spieltage 32 bis 34 sowie ein Nachholpspiel vom 29. Spieltag. Aus Gründen der Vergleichbarkeit habe ich bei den anderen Vereinen exakt die gleichen Spieltage untersucht.
** Stand (gilt für alle genannten Summen): 24.11.2009
*** Sämtliche Bremer Werte wurden vor Ermittlung der Durchschnittszahlen rausgerechnet.

Alle in diesem Artikel genannten Zahlen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Bei aller Sorgfalt können mir aber angesichts der Datenfülle natürlich dennoch Fehler unterlaufen sein. Korrekturen und Ergänzungen per mail, twitter oder in der Kommentarspalte sind daher ausdrücklich erwünscht.

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