Fußballfans sind keine Verbrecher? Logan Bailly droht Haftstrafe

Logan Bailly ist für deutsche Medien offenbar kein Thema mehr. Anders ist es nicht zu erklären, dass Google News keinen einzigen aktuellen, deutschsprachigen Artikel über das sich zuspitzende Strafverfahren gegen den dritten Torhüter von Borussia Mönchengladbach ausspuckt. Nun, wenn kicker und Co. nicht wollen, übernehmen wir das eben:

Heute morgen forderte die Staatsanwaltschaft vor dem Lütticher Strafgericht eine zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe von sechs Monaten für den Fußballprofi. Bailly soll 2008 in der Lütticher Innenstadt zusammen mit seinem Bruder Arnaud in eine Schlägerei mit Körperverletzungsfolge verwickelt gewesen sein. Pikantes Detail: Der Vorfall ereignete sich am Abend der Meisterfeierlichkeiten von Standard Lüttich – obwohl der 25-Jährige damals beim Rivalen KRC Genk unter Vertrag stand.

Logan Baillly, in Lüttich geboren und aufgewachsen, ist möglicherweise also noch immer ein leidenschaftlicher Anhänger der Roten. Wie dem auch sei, die Urteilsverkündung wird jedenfalls für den 6. Juni erwartet.

Belgien: Entscheidungsspiele um den Titel

belgienViolett oder Rot, Böse oder Gut, 30. oder 10. Meistertitel? Diese Fragen werden am 21. und 24.  Mai beantwortet. Dann nämlich werden der RSC Anderlecht und Standard de Liège, die beide ihre Partien am letzten Spieltag der Jupiler League gewinnen konnten, den belgischen Meister in Entscheidungsspielen ermitteln.

Während Anderlecht gegen eine sich für das Pokalfinale schonende Mannschaft aus Genk relativ leichtes Spiel hatte, entwickelte sich die parallel in Gent ausgetragene Partie zu einem wahren Thriller. Standard führte bis tief in die Nachspielzeit hinein mit 1:0, ehe das vom Meistertrainer der vergangenen Saison, Michel Preud’homme, trainierte Team einen Elfmeter zugesprochen bekam. Ein Unentschieden hätte den Titel für Anderlecht und die Qualifikation für den UEFA-Cup die UEFA Europa League für Gent bedeutet.

Hätte, hätte, Fahrradkette… Fußball ist kein Spiel der Konjunktive (s. Fuss, Wolf). Und da der Fußballgott offenbar einen Sinn für Dramatik hat, musste Lüttichs Torhüter Sinan Bolat diesen Strafstoß einfach halten. Der 20-jährige, der erst in der Winterpause vom Lokalrivalen Genk in die wallonische Hauptstadt gewechselt war, ist seit dem 28. Spieltag die Nr. 1 von Coach László Bölöni. Sollte Standard jetzt auch noch den Titel holen, dürfte ihm ein eigenes Kapitel in der Vereinshistorie sicher sein.

Obwohl auch hierzulande momentan einige klassischen Medien und auch Blogs über ein mögliches Entscheidungsspiels in der Bundesliga schreiben – die Chance, bei den aktuell gültigen DFL-Statuten jemals ein solches zu erleben, sind mehr als gering. Müssten doch zwei punktgleiche Teams in Deutschland auch in folgenden Kriterien exakt die selben Werte aufweisen:

  1. Tordifferenz (nicht das Torverhältnis, wird ja gerne mal falsch bezeichnet)
  2. die Zahl der geschossenen Tore
  3. die Zahl der geschossenen Auswärtstore
  4. der direkte Vergleich
  5. die Zahl der im direkten Vergleich auswärts geschossenen Tore

In der Heimat von gepantschem Bier und Pommes Frites spielen weder Torverhältnis noch direkter Verlgeich eine Rolle. Deshalb sind die etwas missverständlich als „Testwedstrijden“ bezeichneten Duelle zwar kein alltägliches, aber auch kein vollkommen ungewöhnliches Ereignis. Zuletzt konnte sich der Rekordmeister Anderlecht 1986 hauchdünn gegen den Club aus Brügge durchsetzen. In Liège hingegen hat man nicht die allerbestern Erinnerungen an Entscheidungsspiele: 2005 zog Standard im Kampf um den UEFA-Cup-Startplatz gegen den KRC Genk den Kürzeren.

Ach ja, wer Lust hat, mich zum enscheidenen Rückspiel am 24.05. nach Liège zu befördern – MELDEN!

Ende einer Durststrecke

Standard de Liège v RSC Anderlecht 2:0

Als Spieler gefeierter Star, als Trainer belächelter Versager droht auch Michel Preud’homme dieses loddaeske Schicksal? Die lokale Sportpresse ließ zuletzt jedenfalls kein gutes Haar an Standard Lüttichs Übungsleiter. Vom verschenkten Double war die Rede, weil er unter der Woche im Pokal-Halbfinale in Gent etliche Stammkräfte schonte und mit 0:4 unterging. Die Verfolger aus Brügge und Brüssel-Anderlecht witterten Morgenluft im Titelkampf.

Jupiler League 2007/2008, 31. Spieltag
Lüttich / Belgien: Stade Maurice Dufrasne (»Sclessin«), 20. April 2008
27 500 Zuschauer (ca. 2 500 Gäste)

Nie habe er »das Herz Frankreichs so stark schlagen gehört wie hier«, schwärmte Frankreichs ehemaliger Präsident Georges Pompidou einst während eines Staatsbesuches. Seine Liebeserklärung an die Stadt an der Maas kommt nicht von ungefähr: Unzählige Bistros und Brasserien, eine beachtliche Museumslandschaft oder seine engen, chaotischen Gassen verleihen Lüttich, oder besser Liège, tatsächlich diesen gewissen Hauch von »Savoir-vivre«.

Doch dieser Eindruck schwindet schnell, wenn man das Zentrum verläst und sich dem Stadtteil »Sclessin« nähert. Hier, in Standards Heimat, hat der Niedergang der Stahlindustrie überdeutlich seine Spuren hinterlassen. So in etwa muss es früher im Ruhrgebiet ausgesehen haben – vor dem Strukturwandel. Das Erlöschen der Hochöfen hat Tausende Sclessiner gen Flandern getrieben, in Richtung Arbeit. Standards Festung mit ihren drei unfassbar steilen Rängen und seine Getreuen, die diesen Ort jedes zweite Wochenende mit Leben füllen, sind so etwas wie die letzten Farbkleckse im trostlosen Grau von Abbruchhäusern, Alltagssorgen und Industrieruinen.

Knapp 40 Minuten vor Anpfiff erbebt das Stade Maurice Dufrasne, das hier aber jeder »Sclessin« nennt, zum ersten Mal in seinen Grundfesten. Selbst an den Imbissständen auf dem Stadionvorplatz durchschneidet kindliche Begeisterung die bratölgeschwängerte Frühlingsluft. Die wenigen Ahnungslosen bekommen auf Nachfrage das Endergebnis der anderen Sonntagspartie entgegengebrüllt: Der FC Brügge ist in Gent nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen. Das bedeutet, dass nicht irgendwann, sondern hier und heute eine bis dato fantastische Saison ohne eine einzige Niederlage gekrönt werden kann. Mit einem Sieg gegen Anderlecht, gegen den Erzrivalen, gegen die verhassten »Violetten« aus der Millionen-Metropole, die sich in Belgien über die Jahre ein ähnliches Dusel-Image aufgebaut haben wie der FC Bayern hierzulande.

Keine Tore im ersten Abschnitt

Der Anstoß erfolgt mit deutlicher Verspätung, da simultan zum Einmarsch der Teams zahllose bengalische Fackeln den Weg in den Innenraum der Arena gefunden haben. Minutenlang hat der emsige Ordnungsdienst alle Hände voll zu tun, die einem glühenden Lavafeld gleichende Spielfläche zu säubern. Zudem wird Standards Kapitän, der erst 20-jährige Steven Defour, zwischen Tür und Angel als »Fußballer des Jahres« ausgezeichnet. Seine Trophäe erhält er von keinem geringeren als Zinédine Zidane. Für die passende Untermalung der grotesk anmutende Zeremonie sorgen sanfte Klänge aus der Feder von Deutschlands erfolgreichstem Musik-Export »Scooter«. Selbst langjährige Anhänger quittieren das Schauspiel mit achselzuckender Ratlosigkeit ─ Zizous Motivation und dessen Beziehung zu den Gastgebern werden wohl für immer ungeklärte Mysterien bleiben.

Als der Ball endlich rollt, scheint es, als haben sich die Protagonisten von der allgegenwärtigen Hektik anstecken lassen. Zwar ergeben sich auf beiden Seiten einige Torchancen, diese sind aber ausnahmslos ungeordneten Abwehrreihen und vogelwilden Torwartaktionen geschuldet. Von durchdachten Angriffen ist kaum etwas zu sehen, ein 0:0 zur Pause die logische Konsequenz.

»Préparez votre Kleenex!« ist auf einem Spruchband im Gästeblock zu lesen ─ »Haltet eure Taschentücher bereit!«. Besser lässt sich diese Mischung aus hauptstädtischer Arroganz und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Rekordmeisters kaum in einer Parole konzentrieren. Seit nunmehr 25 Jahren muss das Aushängeschild des wallonischen Fußballs derartige Schmähungen ertragen.

1983 gelang Standard letztmalig der große Wurf, danach machte ein exklusiver Kreis von sechs flämischen Clubs die Meisterschaft unter sich aus. Der Großteil des aktuellen Kaders war damals noch nicht einmal geboren. So besitzt die heutige Startelf ein Durchschnittsalter von 22,7 Jahren. Dieser im europäischen Spitzenfußfußball einzigartige Wert ist das Resultat konsequenter Nachwuchsförderung in einer hochmodernen Fußballakademie.

Happy Hardcore und glückliche Sieger

Nach dem Wechsel spiegelt sich dieser jugendliche Elan endlich auf dem Platz wieder. Preud’homme scheint in der Kabine die richtigen Worte gefunden haben, denn Angriff um Angriff rollt jetzt in Richtung Gästetor. Beinahe zwangsläufig gelingt Dieumerci Mbokani in der 54. Spielminute der Führungstreffer. Sein Flugkopfball, wuchtig und elegant zugleich, veranschaulicht eindrucksvoll die Qualitäten der jungen Mannschaft.

Auf den Rängen fallen die unmittelbar dadurch ausgelösten Ovationen zwar ausgelassen, aber doch relativ gewöhnlich aus. Erst nach einer kurzen Atempause, nach einem Moment des Begreifens, explodiert das Stadion förmlich. Als ob sich dieses Vierteljahrhundert der Demütigungen und Enttäuschungen kollektiv entladen würde, erzeugen 25 000 Fanatiker eine in unseren Breiten nicht für möglich gehaltene Gänsehaut-Atmosphäre.

Angetrieben von diesem einmalig enthemmten Publikum gelingt es der Heimelf, einen in solchen Spielsituationen oft begangenen Fehler zu vermeiden. So igelt sie sich eben nicht hinten ein, sondern stürmt unbekümmert weiter. Das stolze Anderlecht wird vorgeführt. Als wiederum Mbokani auf 2:0 erhöht, lösen sich auch die letzten Zweifel in Luft auf. Hektoliterweise quillt nun Herzblut von Sclessins Steilwänden, Lüttich besäuft sich an sich selbst.

Mit dem Schlusspfiff brechen alle Dämme. Nun wird deutlich, wie viel wahrer Genuss mit Verzicht zu tun hat. In Brügge und Brüssel werden Veränderungen am Vereins-Briefkopf unaufgeregter und routinierter zur Kenntnis genommen. Tausende klettern über Werbebanden und Zäune, der Rasen verwandelt sich immer mehr in ein wildes, vor Glück brodelndes Menschenmeer. Für zumindest etwas Struktur sorgen die 180 BPM des abermals eingespielten Teutonen-Technos.

Mitten in dieser improvisierten Meisterfeier diktiert der Welttorhüter von 1994 den Reportern in die Blöcke, dass der nun feststehende Titelgewinn »einem Wunder« gleiche. Demütig habe er den Herrgott direkt nach dem Aufstehen um die vorzeitige Entscheidung gebeten. Keine Frage, dem Mann, der schon als Profi »der Heilige« genannt wurde, haftet auch heute noch etwas Klerikales an. Und spätestens als sein Name unaufhörlich durch die Lütticher Fußballkathedrale hallt, muss selbst der kritischste Schreiberling eingestehen: alles richtig gemacht, Sankt Preud’homme!

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