De Zoch kütt!

2. Bundesliga – 08/09
FSV Frankfurt – VfL Osnabrück
1:0 (0:0)
22.02.09, C**-Arena (Frankfurt)
4.084 Zuschauer (ca. 400 Gäste)

Fastnachtssonntag. Welcher Teil dieser wunderschönen Republik bietet sich besser an, jeglichem närrischem Treiben aus dem Weg zu gehen, als das nicht gerade als karnevalistisches Epizentrum bekannte Hessen? Konfettibunt ist alle Theorie, empfangen mich doch bereits am Hbf die ersten Pappnasen.

Kaum von diesem Schock erholt, gibt es an der Haltestelle Sportfeld die nächste Aufregung: Ultras aus Osnabrück blockieren die Treppen und formieren sich zum Marsch gen WM-Stadion. Ein Vorbeikommen ist unmöglich, was nicht nicht nur mir, sondern auch vielen aus Niedersachsen angereisten „Normalos“ sichtlich auf die Nerven geht. In solchen Situation zeigt sich, dass sich mittlerweile große Teile der deutschen Ultra-Szene von der Geisteshaltung ihrer Mitstreiter in der Fankurve entfernt haben.

Als sich der Zug endlich in Bewegung setzt, fliegen statt Kamelle markige Loblieder auf vom bundesweiten Profifußball ausgeschlossene Kameraden durch die neblige Luft.

Echte Solidarität oder pure Selbstinzinierung? Macht pauschales Bagatellisieren von Stadionverboten wirklich Sinn? Oder schneiden sich die Fanszenen in letzter Instanz damit ins eigene Fleisch, indem sie so das Handeln stadtbekannter Radaubrüder legitimieren? Haftet solchen Aktionen nicht eine ähnliche Beliebigkeit an wie beispielsweise der berühmt-berüchtigten Datei „Gewalttäter Sport“?

Nein, „Fußballfans sind keine Verbrecher“. Aber viel zu oft angetrunkene, schlecht erzogene Rotzlöffel ohne Eier in der Hose. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass beim Betreten der S-Bahn im vermeintlichen Schutz einer anonymisierenden Masse eine zufällig am Bahnsteig stehende Familie mit Migrationshintergrund aufs Übelste beschimpft worden ist? Warum werden die diensthabenden Ordnungshüter, obwohl angenehm zurückhaltend agierend, als „Bullenschweine“ tituliert?

Natürlich gibt es ungerechtfertigte Stadionverbote, gegen die etwas unternommen werden muss. Ich wage aber die kühne These, dass die bloße Eventisierung von einem Kilometer Fußweg keinen merkbaren Erfolg haben wird. Der Dialog mit den Vereinen und fundierte Rechtsberatung erscheinen jedenfalls weitaus erfolgsversprechender.

Im Stadion herrscht Tristesse pur. Nicht verwunderlich, bei etwa 4.000 Zuschauern in einer die 13-fache Menge fassenden Arena. Wenigstens verspricht die Paarung nach den Vorfällen des turbulenten Hinspiels, als dem VfL sage und schreibe drei Elfmeter zugesprochen wurden, ein wenig Brisanz. FSV-Manager Reisig sprach ob der Publikumsreaktionen von „kriegsähnlichen Zuständen“, was bei Gästetrainer Pele Wollitz nicht wirklich gut ankam.

Dementsprechend verweigert dieser seinem Gegenüber Thomas Oral kurz vor Anpfiff den eigentlich obligatorischen Handschlag. Sozusagen der eisige Auftakt für ein ordentliches Zweitligaspiel, das Franfkurt die größeren Spielanteile, Osnabrück hingegen die klareren Torchancen beschert. Lila-Weißes Unvermögen, ein großartig haltender Patric Klandt (Kicker-Note: 1) und das Torgestänge konservieren ein torloses Unentschieden bis in die Nachspielzeit hinein.

Der Allerletzte von 13 Frankfurter Eckbällen sorgt dann für die Entscheidung. Youssef Mokhtari findet den Kopf des langen Verteidigers Emil Noll und Stefan Wessels ist geschlagen. Drei ganz wichtige Punkte gegen einen direkten Konkurrenten für die Bornheimer, die ihre erstaunliche Erfolgsserie damit auf 14 Punkte aus den letzten sechs Spielen ausbauen.

Aber natürlich lassen es die beiden temperamentvollen Übungsleiter damit nicht bewenden. Ihr verbales Duell auf der Pressekonferenz endet mit einem leistungsgerechten 1:1. Nein, Freunde werden die Herren Wollitz und Oral in naher Zukunft bestimmt nicht werden.

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Der historische Schuss (01): Bitte nicht drängeln

WM 2006: Angola – Portugal 0:1 (in Köln)

Luís Figo, Simão, Cristiano Ronaldo, Pauleta. Eine Offensivabteilung, die eigentlich mehr als fünf Minuten guten Fußball erwarten lässt. Aber nach einem Treffer und einem Schuss an den Außenpfosten stellen die Mannen um den aktuellen Weltfußballer bereits nach 300 Sekunden alle Angriffsbemühungen ein.

Dennoch schafft es ein von jeglichem Sachverstand unbelastetes Publikum problemlos, die schwache Darbietung auf dem Rasen zu unterbieten. Effzeh-Hymnen wechseln sich ab mit Karnevalschlagern, deren Tolerierung einen durch Genuss der exklusiv ausgeschenkten Ami-Plörre unmöglich zu erreichenden Alkoholisierungsgrad erfordern. Wer nicht aus Köln kommt, stimmt wahlweise mexikanische Wellen oder Deutschland-Sprechchöre an. So toll die WM auch wahr – gleichwohl lernte man irgendwie auch jeden aufrichtigen Fußball-Hasser zu schätzen.

Es waren die kleinen Geschichten, abseits des Sommermärchen-Hypes, die diesem durchkommerzialisierten Turnier eine Nuance Charme verliehen haben. Und so ließ ein einziges Foto, respektive die ulkige Begebennheit, die mich zum Betätigen des Auslösers animierte, selbst diesen eher durchwachsenen Juniabend in Müngersdorf in guter Erinnerung bleiben:

Die Umständlichkeit, die ein Großteil der angolanischen Fans beim Betreten des Stadions an den Tag legte, war einfach bemerkenswert. Wie Lemminge bildeten die Südwest-Afrikaner lange Schlangen vor den ersten vier Eingangstoren, obwohl sich direkt daneben etwa 15 weitere völlig menschenleer präsentierten. Eine wirklich absurde Szenerie, die in unserer Reisegruppe natürlich eine intensiv geführte Diskussion über soziologische und kulturelle Ursachen zur Folge hatte.

Die von Political Correctness geprägte Debatte hat ihren Höhepunkt längst überschritten, als sich Oberstudienrat Keek B.* aus L. in seinem ihm ureigenen Habitus zu einem lakonischen Fazit hinreißen lässt:

Das sind die bestimmt von der Essensausgabe so gewohnt.

Das nennt man wohl pädagogischen Pragmatismus.

* Name der Redaktion bekannt