Tradition? Drauf geschissen

RBS Leipzig ist für die Bundesliga-Rechteverwerter Gefahr und Chance zugleich. Diese Erkenntnis scheint nun auch bei der ARD respektive der Sportschau angekommen zu sein. Bei Sky konnte man das bereits zu Saisonbeginn bezeugen, als das erste Heimspiel der Leipziger mit großem Getöse inszeniert wurde. Über eins muss man sich aber im Klaren sein: Wo immer ein an exklusive Lizenzen gebundenes Produkt wie die Bundesliga vermarktet wird, kann per Definition nicht journalistisch über selbiges darüber berichtet werden. Muss man als Rezipient aber damit rechnen, im Rahmen eines Live-Tickers darüber belehrt zu werden, welche Vereine zurecht am Start sind?

Markenpflege outgesourct

Ja, von Sky kann und muss man das tatsächlich erwarten. 485,7 Millionen Euro pro Saison müssen irgendwie refinanziert werden und mit der Aussicht, dass die Meisterschaft mittelfristig tatsächlich schon regelmäßig an Weihnachten entschieden ist, dürfte das schwer werden. Mit albernen Narrativen wie „Die Liga der Weltmeister“ oder „Der spannendeste Abstiegskampf aller Zeiten!!!“ lässt sich sicher manches kompensieren, aber … der Kunde mag vielleicht etwas blöd sein, jeden Scheiß lässt er sich aber dann doch nicht andrehen.

Mit dem Film- und Serienangebot bröckelt momentan (Netflix und Filesharing sei Dank) zudem ein wesentliches Standbein des aktuellen Geschäftsmodells weg. Dass sich nun der Leipziger Ableger der Energy-Plörre aufmacht, vielleicht schon nächste Saison in der 1. Liga um die vorderen Plätze mitzumischen, dürfte in Unterföhring beinahe schon wie ein Silberstreif am Horizont wirken. Es verwundert also nicht, dass man von Sky keine kritische Einordnung in Sachen RBS erwarten kann. Im Gegenteil. Wenn aber die Abhandlung eines öffentlich-rechtlichen Senders klingt, als habe Dietrich Matteschitz gerade seine Vorzimmerdame zum Diktat gebeten, ist das eine neue Qualität. Ja, sorry, so viel Gebührenkeule muss sein*. Es geht hier aber nicht darum, der ARD oder der Sportschau eine positive Ansicht zu RBS verbieten zu wollen. Die kann gerne geäußert werden – als klar gekennzeichneter Kommentar und Privatmeinung eines Autors. Aber doch nicht eingebettet in einer sportfokussierten Liveberichterstattung.

It’s not the tradition, stupid

Es geht hier auch nicht um das leidige Thema Tradition. Was soll das überhaupt sein? Das Alter eines Vereins? Oder die Dauer, die dieser erstklassig ist? Werden Zeiten in der zweiten Liga wenigstens zur Hälfte angerechnet? Niemand** wird bestreiten, wie sehr etwa der SC Freiburg oder der FSV Mainz 05 in den vergangenen 15 bis 20 Jahren die Bundesliga-Landschaft bereichert haben. Ganz ohne Mäzene oder Investoren in der Hinterhand. Und obwohl erstgenannter Club traditionell und bis Anfang der 80er sogar nur die Nr. 2 der Stadt war. Stillstand ist der Tod und das Klammern an Althergebrachtes nur ein Symptom menschlicher Unfähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Tatsächlich ist das sarkastische Umdrehen des Traditions-Argument der einzige Taschenspielertrick, der den RBS-Apologeten (in diesem Fall einem Mitarbeiter des Haus- und Hofsenders MDR) bleibt:

Man sollte ihnen kein zusätzliches Futter liefern.

 

*Man könnte sich nun auch noch fragen, wieso auf Basis von Zwangsabgaben existierender Rundfunk bei reinen Textangeboten (wie eben einem Ticker) überhaupt in Konkurrenz zu privatwirtschaftlich finanzierte Medien treten muss. Aber das würde zu weit führen.

**Von irgendwelchen Lokalrivalitäten mal abgesehen.


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One thought on “Tradition? Drauf geschissen

  1. sagt:

    Abgesehen von dem Statement, das die Sportschau heute verbreitete, weiß ich aus enorm zuverlässiger Quelle, dass da intern die Hütte brennt, weil das weder abgesprochen war noch irgendeiner Redaktionsmaßgabe entsprungen ist. Ein (da mutmaße ich jetzt) studentischer Mitarbeiter war überambitioniert und hat sich von seiner eigenen Überzeugung davontragen lassen. Kann mir vorstellen, dass er nicht noch einmal einen Sportschau-Ticker befüllen wird.

    Abgesehen davon glaube ich eher, dass bei Sky langsam die Alarmglocken schrillen. Wenn der Trend hält, werden wir nächste Saison Werder und einen weiteren publikums- bzw sympathiestarken Verein wie Stuttgart, Köln oder Freiburg (evtl. sogar den HSV) aus der ersten Liga verabschieden und dafür (sportlich verdient) Ingolstadt und Leipzig oben sehen. Das würde bedeuten, dass wir ab Sommer 2015 an jedem Wochenende mindestens ein Spiel unter der Quotennachweisgrenze haben, und das kann Sky überhaupt nicht schmecken. Man sieht schon an der Vergabe der Europa League-Rechte, dass der Markt der TV-Aufmerksamkeit übersättigt ist, und wenn dann ab 2016 Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig international spielen wird es nicht besser, dann wird sogar Leverkusen im Vergleich zum Zuschauermagneten.

    Das ist wohlgemerkt immer noch kein sportliches Problem, und ich habe keine Lust auf einen Dauerkarten- oder Traditionskoeffizienten in der Tabelle, aber es wird eben zum Problem, weil die Liga eben nicht nur von „Aufm Platz“ lebt – wer nur das sportliche Ergebnis sieht, hat Fußball meines Erachtens nicht verstanden. Es geht eben auch um die Maxime, dass sich gute Arbeit (häufig) auszahlt. So ist der FC Bayern so groß geworden, wie er heute ist, so hat sich Borussia Dortmund zuletzt aus der Scheiße gezogen, so schafft es der SC Freiburg gegen jede Wahrscheinlichkeit immer wieder in Liga 1. Ralf Rangnick ist sicher ein absoluter Fußballfachmann, aber wenn man finanziell risikolos agieren kann, geht ein wichtiger Reiz des Sports verloren. In Hoffenheim konnte ich schon keinen Reiz darin erkennen, mit Sieben-Millionen-Einkäufen in die erste Zweitligasaison zu gehen, und Wolfsburg sticht mal eben den Vorjahres-CL-Finalisten im Bieten um de Bruyne aus. Auch Leverkusen propagiert immer den „Weg mit jungen, deutschen Spielern“, aber was für ein Kunststück ist das, wenn man die anerkannten, weithin bekannten Talente für hohe Millionensummen kauft?

    Okay, ich schweife ab.

    Guter Text.

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