Abgestiegen. Abgeschrieben. Amateure.

Grimsby Town ist ein englischer Viertligist, beheimatet an der Nordseeküste im äußersten Nordosten des Landes. Vor vier Jahren habe ich den Club noch im Play-Off-Final in Cardiff erlebt, danach setzte jedoch ein stetiger Abwärtstrend ein. Drei Spieltage vor Ende der aktuellen Saison ist man so gut wie abgestiegen, der Rückstand auf das rettende Ufer beträgt bereits sieben Punkte.

Die Mariners benötigen also bereits ein mittelgroßes Fußballwunder, um den tiefen Fall in das „Non-League“ genannte Amateurlager doch noch irgendwie zu verhindern. Der User „Poojah“ scheint allerdings kein besonders gläubiger Mensch zu sein. Unter dem Einfluss der jüngsten 0:3-Niederlage lässt er im Forum der Grimsby-Town-Fanseite „The Fishy“ die Welt an seinem lesenswerten Frust teilhaben:

Die Arbeit kann mich mal. Wenn die glauben, dass ich am Montag da sein werde, haben sie sich geschnitten. Auf keinen Fall werde ich meine Zeit mit Arschlöchern verbringen, die ich bereits bei guter Laune kaum ertrage, geschweige denn in meiner momentanen Verfassung. Ich bin zornig, frustriert und fühle mich, als hätte man mir kräftig in die Eier getreten.

Diese Premier-League-Pseudofans können mich mal. Ich habe eben mit meinem Manchester United unterstützenden Nachbarn (Der, nebenbei bemerkt, wie oft bereits Old Tafford von innen gesehen hat? Zweimal!) über Towns Dilemma gesprochen. Könnt ihr euch vorstellen, was er gesagt hat?
„Ich weiß, wie du dich fühlst. Das ist eine Situation wie 1995, als wir keinen einzigen Titel geholt haben.“
NEIN, DAS IST ES VERDAMMT NOCH MAL NICHT!

Er hat kein Gesicht mehr.

Meine Freundin kann mich auf jeden Fall mal. Ihr bester Versuch mich zu trösten: „Ich verstehe nicht, warum dich das so mintnimmt. Du wusstest doch, dass die Mannschaft scheiße ist.“
Mag sein Liebste, aber es ist MEIN scheiß Verein.

Den kompletten Ausraster plus sechs Seiten Diskussion gibt es hier. Kinder und zart besaitete Gemüter seien hiermit allerdings vor zahlreichen Kraftausdrücken gewarnt.

Einstürzende Neubauten

Zum Abschluss eines ereignisreichen (Fußball-)Jahres gibt es noch eine nette Geschichte von der Insel zu erzählen:

Der Darlington FC ist ein chronisch erfolgloser Viertligist aus dem Nordosten Englands. Das muss sich ändern, dachte sich Anfang des Jahrtausends wohl der damalige Chairman George Reynolds. Und was macht ein ambitionierter Vereinsboss in so einer Situation? Richtig, er plant den Bau eines neuen Stadions auf der grünen Wiese. Klotzen statt kleckern lautete offensichtlich die Devise des mittlerweile 71-jährigen Geschäftsmannes, dem ein ausnehmend halbseidener Ruf vorauseilt. Statt, wie üblich auf diesem sportlichen Level, 8 000 – 12 000 (mit der Möglichkeit einer späteren Erweiterung im Erfolgsfall) sollte das Prachtstück satte 25 500 Fans aufnehmen können.

2003 konnte die Einweihung gefeiert werden, Kostenpunkt: 20 Millionen britische Pfund. Doch damit nicht genug – auf sage und schreibe 60 000 Plätze wollte er sein Baby ausbauen, sollte der Verein erst einmal die Premier League erreicht haben. Gänzlich unbescheiden zeigte sich der kühne Visionär auch bei der Namensgebung (s. Hopp, Dietmar): „Reynolds Arena“ lautete die erste offizielle Bezeichnung des Schmuckkästchens. Immerhin 11 600 Menschen wohnten dem Eröffnungsspiel gegen die Kidderminster Harriers bei. So viele kamen danach nie wieder. Nicht einmal annähernd. Die durchschnittlichen Zuschauerzahlen seit dem Umzug lesen sich ernüchternd:

  • 2003/2004: 5 022 (League Two)
  • 2004/2005: 4 083 (League Two)
  • 2005/2006: 4 199 (League Two)
  • 2006/2007: 3 819 (League Two)
  • 2007/2008: 3 818 (League Two)

Bereits im April 2004, ein Dreivierteljahr nach seiner feierlichen Eröffnung, erhielt das Stadion den neuen, äußerst originellen Namen „The New Stadium“. Was war passiert? Darlington musste im Dezember 2003 Insolvenz beantragen und nur kurze Zeit später wanderte Reynolds, mittlerweile selbst bankrott, zudem wegen Geldwäsche hinter schwedische Gardinen. Der einst gefeierte Sonnenkönig hinterließ einen Scherbenhaufen.

Zwar hat sich die Lage inzwischen stabilisiert, doch nach wie vor schweben finanzielle Probleme und eine überschaubare sportliche Perspektive wie ein Damoklesschwert über den „Quakers“. Die Spielstätte firmiert mittlerweile unter einem kryptischen Sponsorennamen, bereits der dritte in der Post-Reynolds-Ära. Der Immobilienkönig George Houghton leitet momentan die Geschicke des angeschlagenen Clubs. Und was macht ein ambitionierter Vereinsboss in so einer schwierigen Situation? Richtig, er träumt von Zusatzeinnahmen, etwa durch ein Stadionhotel, VIP-Logen oder die Vermietung von Verkaufsflächen. Um dafür Platz zu schaffen müsste lediglich eine Tribüne des Stadions abgerissen werden. Der schicke All-Seater sei sowieso zu groß. Selbst in der zweiten Liga könne Darlington keine 25 000 Zuschauer mobilisieren, gibt Houghton zu bedenken. Eine nicht besonders gewagte These, angesichts einer Kapazitätsauslastung von unter 17 % über die letzten fünf Jahre. Die Frage, woher auf einmal die Massen an VIPs und Hotelgästen zu einem erwiesenermaßen unattraktiven Provinzclub strömen sollen, ließ der Präsident allerdings offen.

Die Fans spaltet dieses Vorhaben in zwei Lager. Viele haben Bedenken, dass sich die Atmosphäre bei Heimspielen durch den Umbau drastisch verschlechtern könnte. Wobei verwaiste VIP-Logen wohl auch nicht unbedingt weniger Stimmung machen dürften als 20 000 nicht besetzte Sitzschalen.