+++ EIL: Amerikanische Wissenschaftler entdecken endlich ersten konkreten Anwendungsfall für Fußballstatistiken +++

Kunst also. Toll.

Kurzes Zahlenglück

Nach dem torlosen Unentschieden gegen Schweden brüllte er mir freudestrahlend ins Gesicht:

We are the only team, that has never been beaten and did not concede a single goal at the World Cup.

Kurz überlegt… und ja, er hatte recht, der farbenfroh kostümierte Edelfan aus Trinidad und Tobago. Simple Statstik kann also offensichtlich selbst Nicht-Mathematiker in Verzückung versetzen. Mag sie, wie in diesem Fall, auch noch so sinnlos erscheinen. Fünf Tage später hatte es sich mit der ungeschlagenen Herrlichkeit der Soca Warriors allerdings sowieso erledigt: England siegte 2:0.

Schaafschützen

Am 10. Mai 1999 übernimmt Thomas Schaaf das Traineramt beim stark abstiegsbedrohten SV Werder Bremen. Sein glückloser Vorgänger Felix Magath war seinerseits erst während der Saison als Feuerwehrmann verpflichtet worden. Mit Schaaf gewinnt die zuvor allzu oft verunsichert auftretende Truppe drei der verbleibenden vier Spiele*, schafft so den Klassenerhalt und triumphiert dann sogar im Pokalfinale über den FC Bayern.

Heute, gut zehn Jahre, eine Meisterschaft und zwei Pokalsiege später, leitet der gebürtige Mannheimer noch immer die Trainingseinheiten beim SVW. Der Verein gilt mit dem aktuellen Kader abermals als Titelaspirant. Vor allem aber hat sich das Schaafsche Werder die Reputation einer wahren Angriffsmaschine erarbeitet, oder vielmehr erspielt.

Dabei waren Trainer und Manager immer wieder gefordert, hochkarätige Abgänge im Offensivbereich durch kluge Neuverpflichtungen zu kompensieren. Mit Erfolg: Klose kam für Ailton, Micoud übergab seinen Taktstock an Diego, den wiederum momentan ein Junge aus Gelsenkirchen vergessen macht. Allen Personalwechseln zum Trotz scheinen Kantersiege wie das jüngste 6:0 beim SC Freiburg an der Tagesordnung zu sein. Höchste Zeit, diesem Gefühl statistisch auf den Zahn zu fühlen.

Nach akribischer Sichtung von Abschlusstabellen und Ergebnislisten steht fest: Werder hat seit Schaafs Amtsantritt tatsächlich die meisten Treffer erzielt. Satte 701mal** ließen es die Weserkicker im gegnerischen Kasten klingeln. Der Rekordmeister liegt mit 698 Toren allerdings fast gleichauf. Auch die Ausbeute der für ihre Spielstärke bekannten Leverkusener kann sich sehen lassen. Deutlicher abgeschlagen sind hingegen die anderen sechs Vereine, die seitdem durchgängig im Oberhaus aktiv waren.

Eindrucksvoller als diese absoluten Zahlen ist aber meiner Meinung nach der Vergleich der Bremer Offensivstärke mit dem Ligadurchschnitt. So zeigt sich, dass die Ausbeute der Norddeutschen in jeder der zehn komplett von Schaaf gecoachten Spielzeiten über selbigem lag:

Saison Schnitt SVW Ligaschnitt *** Differenz
98/99 2,00 1,79 0,21
99/00 1,91 1,42 0,49
00/01 1,56 1,45 0,11
01/02 1,59 1,45 0,14
02/03 1,50 1,33 0,17
03/04 2,32 1,44 0,89
04/05 2,00 1,42 0,58
05/06 2,32 1,49 0,83
06/07 2,24 1,32 0,92
07/08 2,21 1,36 0,85
08/09 1,88 1,44 0,45
09/10 2,23 1,28 0,95
Gesamt 1,96 1,41 0,55

Der Gesamtwert beweist, dass die Norddeutschen in den letzten 357 Bundesligapartien jeweils ein halbes Tor mehr als der Durchschnittsclub erzielt haben. Das sind umgerechnet knapp 19 pro Spielzeit. In den 13 bislang absolvierten Runden der laufenden Saison kommt Werder auf einen Schnitt von 2,23 Toren.

Doch lassen diese beeindruckenden Zahlen auch einen direkten Zusammenhang mit dem sportlichen Abschneiden erkennen? Die Antwort ist ein ganz klares „Jein“:

Erzielte das Team also über 70 Treffer, was vier mal der Fall war, eroberte es stets einen Podestplatz. Waren es weniger als 60,  bedeutete das zweimal den sechsten und einmal den siebten Rang. Uneindeutig zeigen sich auf den ersten Blick die drei Spielzeiten, in denen die „Fischköppe“ zwischen 60 und 70 Torerfolge bejubeln durften. Eine Deutung der Diskrepanz zwischen Position drei, neun und zehn würde zumindest das Heranziehen der Abwehrleistungen erforderlich machen. Doch um diese soll es ja in diesem Text nicht gehen.

Besonders anschaulich manifestiert sich die Hanseatische Angriffswucht in der hohen Anzahl Spiele, die mit vier oder mehr eigenen Toren beendet wurden. Enorme 60mal war das der Fall, also ziemlich genau bei jedem sechsten Auftritt.

In dieser Kategorie kann selbst der Branchenprimus aus München nicht mithalten. Schalke und Hertha erreichen mit einem Wert von 19 noch nicht einmal ein Drittel des Bremer Benchmarks. Erklärtes Lieblingsopfer der Grün-Weißen ist Hannover 96. In sieben von gerade einmal 15 Aufeinandertreffen bekamen die bemitleidenswerten Niedersachsen so richtig die Hütte voll.

Wer Werder Bremen zugeneigt ist, kann sich dieses schwere Los also damit schönreden, mathematisch belegbar den besten Sturm der Bundesliga zu besitzen. Uns Schalke-Fans könnten hingegen die Worte eines hippophilen Rekordnationalspielers trösten: „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es gerade muss.“


* Bei diesen vier Partien handelt es sich um die Spieltage 32 bis 34 sowie ein Nachholpspiel vom 29. Spieltag. Aus Gründen der Vergleichbarkeit habe ich bei den anderen Vereinen exakt die gleichen Spieltage untersucht.
** Stand (gilt für alle genannten Summen): 24.11.2009
*** Sämtliche Bremer Werte wurden vor Ermittlung der Durchschnittszahlen rausgerechnet.

Alle in diesem Artikel genannten Zahlen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Bei aller Sorgfalt können mir aber angesichts der Datenfülle natürlich dennoch Fehler unterlaufen sein. Korrekturen und Ergänzungen per mail, twitter oder in der Kommentarspalte sind daher ausdrücklich erwünscht.

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