EM 2012: Analogblog Irland – Italien 0:2

Schön blöd, wenn man das Feld „Reporter-Spruch des Spiels“ zu früh ausfüllt…

Poschi (falls ich mich nicht verhört habe): „Wer als Greis geboren wird, endet nicht als Quadrat.“

— Jens Dotcom (@stadioncheck) Juni 18, 2012

Fotos & Stadion-Porträt: Croke Park, Dublin

It would break my heart to see St George’s Cross waving over Croke Park. As long as I live, there will never be a soccer match played at this place. Never soccer!

Das war nicht unbedingt die erhoffte Reaktion. Statt einem „Vielleicht“ ernteten wir nur Pathos und bitteren Ernst, als wir uns im Herbst 2004 während einer spontanen Stadionbesichtigung bei einem Funktionär der Gaelic Athletic Association (GAA) nach der Wahrscheinlichkeit zukünftig hier stattfindender Fußball-Wettkämpfe erkundigten.

Der Gebrauch des Begriffs Soccer kam dabei nicht von ungefähr: Fußball – gleiches gilt im Übrigen auch für Rugby – ist in den Augen der Tradition- und Nationalisten der GAA eine Freizeitbeschäftigung der britischen Besatzer Nordirlands. Das Label Football bleibt daher exklusiv dem Nationalsport Gaelic Football vorbehalten.

1901 wurde das erste und für lange Zeit auch einzige Fußballspiel auf dem Croke-Park-Areal ausgetragen. Damals befand sich an Stelle des heute beindruckenden Bauwerks allerdings noch ein besserer Sportplatz mit Laufbahn, im Volksmund als „Jones Road“ bekannt. Sieben Jahre später kaufte die gälische Sportvereinigung das Gelände und 1913 wurde das zunächst aus lediglich zwei Tribünen bestehende Stadion unter seinem noch heute gültigen Namen eröffnet.

Glasgow oder Dublin: Hauptsache Irland

Als sich der feststehende Abriss des Nationalstadions Lansdowne Road im Jahr 2007 näherte, intensivierte sich auch die Diskussion um die Verwendung des Croke Park als Ausweichstadion für internationale Rugby- und Fußballspiele. Ein unvorstellbares, ja geradezu obszönes Szenario in den Augen vieler GAA-Hardliner, welches sich mangels Alternativen doch peu à peu konkretisierte.

Der einzige ernstzunehmende Gegenentwurf sah die Nutzung der Heimspielstätte des irischen Nationalteams auf Vereinsebene vor: den Glasgower Celtic Park. Nach monatelangen Verhandlungen verkündete der irische Fußballverband FAI im Januar 2006 jedoch die Einigung mit der GAA. Deren strenge Regularien bezüglich nicht-gälischer Sportarten wurde für die Zeit des Lansdowne-Neubaus gelockert, wozu sicher auch der eine oder andere Euro beigetragen hat.

Sitzen ist für’n…

Seit einem 2004 beendeten Umbau präsentiert sich das Croke Park Stadium als atemberaubende Sportstätte. Modern, steil, massiv. In das ansonsten symmetrisch durchgestylte Gesamtbild mag eine Hintertortribüne indes so gar nicht passen. Eine hinter Hill 16 verlaufende Bahnlinie verhindert die Angleichung der Stehplatzterasse an die Stilistik ihrer dreistöckigen Nachbarn.

„Hill 16“ in Stehplatzkonfiguration

Mit einem maximalen Fassungsvermögen von 82.300 Zuschauern ist Croke Park momentan das viertgrößte für Fußball geeignete Stadion Europas – nach Wembley, Camp Nou und dem Estadio Santiago Bernabéu. Für die Freundschafts- und Qualifikationsspiele Irlands wurden die Stehränge allerdings mit temporären Sitzschalen bestückt, wodurch die Kapazität um einige Tausend Plätze sank.

Am 24. März 2007 war dann der historische Moment gekommen: Irland empfing Wales zur ersten Fußballpartie im Croke Park nach 106-jähriger Pause. Und im Herbst 2009 hat auch yours truly die zweitletzte Möglichkeit zu einem Spielbesuch genutzt. Ob der eingangs Zitierte irgendwelche Konsequezen gezogen hat, konnte vor Ort leider geklärt werden. Wir hoffen aber, dass er und auch seine Kollegen die fünf Jahre zuvor getroffene Aussage nicht allzu wörtlich genommen haben.

Stadion-Daten:

Croke Park Stadium, Dublin
Adresse: Croke Park, Dublin 3, Irland
Heimatverein: Hauptsitz der Gaelic Athletic Association (GAA); momentan kein Fußballbetrieb
Kapazität: 82.300 (9.000 Stehplätze)
Zuschauerrekord Fußball: 74.103 (2009, Play-Off WM-Qualifikation: Irland – Frankreich 0:1)
Erbaut: 1913
Zuletzt renoviert: 2004

Fotogalerie

Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin

Herr von Bode fehlt

Marco Bode galt zu seiner aktiven Zeit als Prototyp des etwas anderen Fußballprofis: intelligent, politisch denkend, mit einer Meinung ausgestattet, links. Nur konsequent, dass der Mann aus Osterode in seiner 379 Spiele währenden Bundesliga-Karriere ganze zehn Verwarnungen kassiert und auch neben dem Platz selten zur verbalen Notbremse angesetzt hat.

Wenn man nun noch bedenkt, das Zeit Online eigentlich für seriösen Journalismus steht, erscheinen einige Passagen dieses Textes, in dem Bode auf sein WM-Turnier 2002 zurückblickt, extrem eigenartig. Der gröbste Schnitzer:

Ich saß die ersten beiden Spiele des Turniers auf der Ersatzbank und wurde meist nur zur zweiten Halbzeit eingewechselt.

Nochmal zum Mitdenken (jemand muss es ja tun): Um einen ganzzahligen Anteil an der Gesamtsumme zwei zu beschreiben, nutzt Marco Bode – oder Protokollist Christoph Heymann – das Zahlwort „meist“. Das ist schon mal mindestens so bescheuert wie die Headline dieses Artikels, da in solchen Fällen nun einmal lediglich null, 50 oder eben 100 Prozent möglich sind. Warum nicht einfach von der den Tatsachen entsprechenden „Partie gegen Irland“ gesprochen wird?

Vielleicht, weil Bodes Erinnerungsvermögen an den sportlichen Verlauf dieser Weltmeisterschaft – die für ihn selbstredend etwas ganz „Besonderes“ war – generell etwas getrübt scheint:

Wir mussten dieses Spiel unbedingt gewinnen, sonst wären wir ausgeschieden.

Ganz so dramatisch war die Lage für die deutsche Elf vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Kamerun nämlich längst nicht. Ein Unentschieden hätte aufgrund des überragenden Torverhältnisses sicher zum Gruppensieg ausgereicht und wenn die „Irrländer“ nicht gegen Saudi Arabien gewonnen hätten, wären Rudis Riesen selbst bei einer nicht allzu hohen Niederlage ins Achtelfinale eingezogen.

So langsam beginne ich aber zu verstehen. Wär ja auch noch schöner, sich von dieser dämlichen Realität den launigen Artikel vermiesen zu lassen.