Logan statt Logen – Hold Me Now

Fußball hat in der Republik Irland einen schweren Stand. Als Mannschaftssportart Nr. 3 oder 4 und der übermächtigen Premier League quasi in der direkten Nachbarschaft, werden die Spiele in der heimischen Elite-Liga nur selten von mehr als 3.000 Zuschauern besucht. In der Hauptstadt Dublin gibt es vier „große“ Vereine mit vergleichbarem Fanpotential, in den zu großen Teilen baufälligen Dalymount Park des Bohemian Football Club pilgern im Schnitt 2.000 Unentwegte.

Als inoffizielle Clubhymne wurde in der jüngeren Vergangenheit der bislang mit Abstand beste Wettbewerbsbeitrag beim Eurovision Song Contest adoptiert: Hold Me Now, Gewinner der Ausgabe von 1987. Vor einigen Jahren war Interpret und Komponist Johnny Logan dann tatsächlich einmal zu Gast, um gemeinsam mit den Fans zu, ähm, performen. Gänsehaut gefällig? Bitte sehr:

Halt mich fest, weine nicht, sag kein Wort. Zusammen singen ist aber ok.

Fotos & Stadion-Porträt: Croke Park, Dublin

It would break my heart to see St George’s Cross waving over Croke Park. As long as I live, there will never be a soccer match played at this place. Never soccer!

Das war nicht unbedingt die erhoffte Reaktion. Statt einem „Vielleicht“ ernteten wir nur Pathos und bitteren Ernst, als wir uns im Herbst 2004 während einer spontanen Stadionbesichtigung bei einem Funktionär der Gaelic Athletic Association (GAA) nach der Wahrscheinlichkeit zukünftig hier stattfindender Fußball-Wettkämpfe erkundigten.

Der Gebrauch des Begriffs Soccer kam dabei nicht von ungefähr: Fußball – gleiches gilt im Übrigen auch für Rugby – ist in den Augen der Tradition- und Nationalisten der GAA eine Freizeitbeschäftigung der britischen Besatzer Nordirlands. Das Label Football bleibt daher exklusiv dem Nationalsport Gaelic Football vorbehalten.

1901 wurde das erste und für lange Zeit auch einzige Fußballspiel auf dem Croke-Park-Areal ausgetragen. Damals befand sich an Stelle des heute beindruckenden Bauwerks allerdings noch ein besserer Sportplatz mit Laufbahn, im Volksmund als „Jones Road“ bekannt. Sieben Jahre später kaufte die gälische Sportvereinigung das Gelände und 1913 wurde das zunächst aus lediglich zwei Tribünen bestehende Stadion unter seinem noch heute gültigen Namen eröffnet.

Glasgow oder Dublin: Hauptsache Irland

Als sich der feststehende Abriss des Nationalstadions Lansdowne Road im Jahr 2007 näherte, intensivierte sich auch die Diskussion um die Verwendung des Croke Park als Ausweichstadion für internationale Rugby- und Fußballspiele. Ein unvorstellbares, ja geradezu obszönes Szenario in den Augen vieler GAA-Hardliner, welches sich mangels Alternativen doch peu à peu konkretisierte.

Der einzige ernstzunehmende Gegenentwurf sah die Nutzung der Heimspielstätte des irischen Nationalteams auf Vereinsebene vor: den Glasgower Celtic Park. Nach monatelangen Verhandlungen verkündete der irische Fußballverband FAI im Januar 2006 jedoch die Einigung mit der GAA. Deren strenge Regularien bezüglich nicht-gälischer Sportarten wurde für die Zeit des Lansdowne-Neubaus gelockert, wozu sicher auch der eine oder andere Euro beigetragen hat.

Sitzen ist für’n…

Seit einem 2004 beendeten Umbau präsentiert sich das Croke Park Stadium als atemberaubende Sportstätte. Modern, steil, massiv. In das ansonsten symmetrisch durchgestylte Gesamtbild mag eine Hintertortribüne indes so gar nicht passen. Eine hinter Hill 16 verlaufende Bahnlinie verhindert die Angleichung der Stehplatzterasse an die Stilistik ihrer dreistöckigen Nachbarn.

„Hill 16“ in Stehplatzkonfiguration

Mit einem maximalen Fassungsvermögen von 82.300 Zuschauern ist Croke Park momentan das viertgrößte für Fußball geeignete Stadion Europas – nach Wembley, Camp Nou und dem Estadio Santiago Bernabéu. Für die Freundschafts- und Qualifikationsspiele Irlands wurden die Stehränge allerdings mit temporären Sitzschalen bestückt, wodurch die Kapazität um einige Tausend Plätze sank.

Am 24. März 2007 war dann der historische Moment gekommen: Irland empfing Wales zur ersten Fußballpartie im Croke Park nach 106-jähriger Pause. Und im Herbst 2009 hat auch yours truly die zweitletzte Möglichkeit zu einem Spielbesuch genutzt. Ob der eingangs Zitierte irgendwelche Konsequezen gezogen hat, konnte vor Ort leider geklärt werden. Wir hoffen aber, dass er und auch seine Kollegen die fünf Jahre zuvor getroffene Aussage nicht allzu wörtlich genommen haben.

Stadion-Daten:

Croke Park Stadium, Dublin
Adresse: Croke Park, Dublin 3, Irland
Heimatverein: Hauptsitz der Gaelic Athletic Association (GAA); momentan kein Fußballbetrieb
Kapazität: 82.300 (9.000 Stehplätze)
Zuschauerrekord Fußball: 74.103 (2009, Play-Off WM-Qualifikation: Irland – Frankreich 0:1)
Erbaut: 1913
Zuletzt renoviert: 2004

Fotogalerie

Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin
Croke Park, Dublin Croke Park, Dublin

Sonntagsfoto: Es fährt ein Zug wie nirgendwo

West Stand, Lansdowne Road, DART-Train

Dublin Area Rapid Transit (kurz DART) ist ein S-Bahn-ähnliches Nahverkehrssystem, das seit 1984 die Vororte der irischen Hauptstadt Dublin mit der Stadt verbindet. Die charakteristischen grünen Wagen nutzen ein Oberleitungsystem mit 1500 Volt Gleichstrom.

So nüchtern beginnt der deutsche Wikipedia-Artikel über ein Thema, das Trainspotter und Groundhopper gleichermaßen in Verzückung versetzt. Der DART-Train ist – oder besser: war – der einzige (mir bekannte) Zug der Welt, dessen Streckenverlauf durch ein Fußballstadion führte. Genauer gesagt durchquerte er den imposanten West Stand der Lansdowne Road.

Doch das einstige irische Nationalstadion für Fußball und Rugby ist inzwischen Geschichte. Seit dem Abriss 2007 wurde an selber Stelle an einem Neubau gearbeitet, der in diesem Frühjahr eingeweiht wurde. Größer und moderner ist der – natürlich – mit einem nichtssagenden Sponsorennamen versehene Nachfolger.

Mit ihrer atemberaubenden Glasfassade, den 50.000 Sitzplätzen und einer Einstufung als UEFA-„Elitestadion“ ist die Spielstätte sogar schick genug, um 2011 als Schauplatz für das Finale der Europa League zu dienen. Doch auf ein ganz besonderes Vergnügen müssen die zahlreich nach Dublin gereisten Fans von, ähm, Schalke 04, Manchester City oder welchen Vereinen auch immer dann verzichten: Mit der Vorortbahn durch das Stadion zu fahren ist nicht mehr möglich.