Mein neuer dritter Ort?

Dritter Ort - Sportgelände Garstedt

Kennt ihr das*, wenn euch ein Ereignis, ein Name, ein Lied, einfach Irgendetwas, das ihr im Extremfall vorher noch nie bewusst wahrgenommen habt, plötzlich gleich mehrfach begegnet? Ein solches Erlebnis ist eine als Baader-Meinhof-Phänomen oder Frequenzillusion bekannte kognitive Verzerrung. Die vermeintliche Häufung bildet man sich also meist nur ein.

Dennoch! Ich werde gerade vom Begriff „dritter Ort“ gebaadermeinhoft. Dieser ist mir vor kurzem zunächst als Thema eines lokalen Fotowettbewerbs aufgefallen. Jüngst begegnete er mir außerdem in einem Skeet, über und unter dem durchaus kontrovers diskutiert wird, was dritte Orte eigentlich sind. Gemäß Wikipedia-Artikel sind damit „Orte der Gemeinschaft“ gemeint, „die einen Ausgleich zu Familie und Beruf bieten sollen“. So weit, so schwammig. 

Die rechtzeitige Teilnahme am Fotowettbewerb hab ich zwar irgendwie verpennt, aber schon bei der ersten Beschäftigung mit der Begrifflichkeit hatte ich mich gefragt, ob denn die Mitgliedschaft in einem Verein – oder genauer: einem Fußballfanclub – ein dritter Ort sein kann. Braucht es dafür eine konkrete Örtlichkeit, wie etwa ein Vereinsheim? Genügt möglicherweise etwas weiter gefasst auch das gesamte Vereinsgelände mit Stadion, Neben- und Trainingsplätzen, Kabinentrakt, Tribünen, Vereinsheim, Grillstation, Sitzbänken etc. pp. der Dritter-Ort-Definition?

Besäße ich so etwas wie eine Lebensplanung, wäre das Mitwirken in einem Fanclub samt angeschlossenem Darts-Team vermutlich kein Teil davon gewesen. Gleiches gilt allerdings bereits für die nicht bewusst getroffene Entscheidung, mit, Hüstel, Mitte 40 noch einmal Fan eines neuen Fußballvereins zu werden. Eigentlich ein Sakrileg, schließlich sollte die Liebe zu einem Sport-Team spätestens im Teenager-Alter gefestigt sein und ein Leben lang halten. Naja. Aber auch wenn ich eigentlich sehr unesoterisch unterwegs bin und auch nicht an Schicksal oder ähnliches glaube, ertappe ich manchmal beim Gedanken, dass das einfach so sein sollte.

Zurück zur Frage, ob die aktive Mitgliedschaft in einem e. V. ein dritter Ort sein kann. Um es abzukürzen: Ich glaube irgendwie schon, weiß es aber auch nicht mit Sicherheit. Spannender finde ich sowieso den Umstand, dass so ein Fanclub die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt, die als offensichtliche Gemeinsamkeit zunächst einmal nur zufällig der gleichen Fußballmannschaft die Daumen drücken. 

Unsere Mitglieder sind in Bezug auf Alter, Geschlecht, Aussehen, Herkunft, Bildungsgrad, beruflichem Werdegang, Weltanschauung oder Finanzkraft tatsächlich so unterschiedlich, wie es ein (sehr kleiner) Querschnitt der Gesellschaft eben sein kann. Deshalb ist es nicht immer einfach, alle Köpfe unter einen Hut zu bekommen. Gerade Altersunterschiede sorgen erfahrungsgemäß dafür, dass man bei bestimmten Themen (z. B. Pyrotechnik im Stadion) einfach nicht übereinkommt. Kein Problem, so lange der Meinungsaustausch respektvoll abläuft. Nicht unterschätzen sollte man zudem den Faktor Aufwand, den der oder die Einzelne betreiben muss, um am Vereinsleben teilzunehmen. Für manche ist es bis zum Vereinsgelände nur ein fünfminütiger Spaziergang, andere nehmen für jedes Heimspiel eine mehrstündige Anfahrt per ÖPNV auf sich. 

Ich will es nicht zu hoch hängen, aber: Ich bin inzwischen absolut davon überzeugt, dass das Engagement in einem Verein – die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansichten und Interessen, gemeinsame Aktivitäten und der daraus resultierende Zusammenhalt – enormes zivilgesellschaftliches Potential besitzt. Das gilt insbesondere in diesen schwierigen Zeiten und unabhängig von soziologischen Fachtermini.

Sooo, ich könnte jetzt noch ein wenig weiter aus dem Nähkästchen plaudern, aber ich muss los. Mein mutmaßlicher dritter Ort wartet – die U23 bestreitet gleich ihr erstes Heimspiel in der Oberliga.

PS: *Sorry, für diesen absolut abgeschmackten Stand-Up-Einstieg

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