Ein Pokalrekord, der keiner ist

41.400 Zuschauer haben das Pokalspiel zwischen Germania Windeck und Bayern München im Stadion gesehen. Diese Kulisse bedeutet einen Rekord für einen Amateurclub im DFB-Pokal.

Behaupten unter anderem die (sid-Meldung), die, die oder auch die. Welt Online setzt sogar noch einen drauf:

Vor 41 100 Zuschauern im Kölner WM-Stadion (Weltrekord für Spiele zwischen Amateur- und Profiklubs) […].

Ein WELTREKORD also. Ob es sich dabei um einen deutschen oder internationalen Weltrekord handelt, bleibt indes unklar.

Wir sehen hier also ein bunte Mischung verschiedener Mediengattungen – Nachrichtenmagazin, Special-Interest-Portal, lokale und überregionalen Zeitungen –, die eine Tatsache eint:

Die Rekord-Behauptung ist falsch!

Bereits ein gar nicht allzuweit zurück gerichteter Blick in die Archive hätte gezeigt, dass da etwas nicht stimmen kann. In der Pokalrunde 07/08 empfing im Achtelfinale der Wuppertaler SV (damals: Regionalliga Nord, 3. Liga) eben jenen Rekordmeister, der scheinbar gerne für solche Rekordkulissen sorgt. 61.482 Zuschauer wollten damals die in der Schalker Arena ausgetragene Partie live vor Ort verfolgen. Genau 20.382 mehr als gestern in Köln.

Wie kann es zu dieser vielfachen Fehlleistung kommen? Nun, vermutlich beruft man sich allerorten auf den ZDF-Mann, der die Zusammenfassung des Spiels kommentierte und diese Rekord-Mär in die Welt setzte. Deshalb schreiben wir uns dick und fett ins Journalisten-Handbuch: Zur Verifizierung solcher Sachverhalte müssen immer mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen bemüht werden.

Wie Spielplanhexer aus Fehlern lernen

Kalender: Wird schon schiefgehen

Samstag, 16.05.2009:
3. Liga, 37. Spieltag
13:30 Uhr: Werder Bremen II – Stuttgarter Kickers
1. Bundesliga, 33. Spieltag
15:30 Uhr: Werder Bremen – Karlsruher SC

Stuttgarter und Karlsruher, Württemberger und Nord-Badner, die mögen sich einfach nicht besonders. Sollte sich eigentlich auch bis nach Frankfurt herumgesprochen haben. Nun waren damals aufgrund des bereits feststehenden Abstieges nicht allzu viele Kickers-Fans in den Norden mitgereist, so dass es wohl  zu keinen größeren Scharmützeln kam, als einige KSC-Anhänger vor Anpfiff der Erstligapartie „am Gästeblock vorbeigeschaut haben“. Glück gehabt.

Doch dieses sicherheitstechnische blaue Auge hat den Kommandozentralen von DFB und DFL keinen Erkenntnisgewinn beschert. Anders sind diese Ansetzungen jedenfalls nicht zu erklären:

Samstag, 08.05.2010:
3. Liga, 38. Spieltag
13:30 Uhr: Werder Bremen II – Erzgebirge Aue
1. Bundesliga, 34. Spieltag
15:30 Uhr: Werder Bremen – Hamburger SV

Selbst wenn es für den HSV am letzten Spieltag um nichts mehr gehen sollte, werden natürlich trotzdem Tausende Hamburger den Weg zum Nordderby antreten. Aue ist momentan Tabellenführer der 3. Liga, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Veilchen just in der Hansestadt den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern werden.

Nun herrscht keine bekannte Rivalität zwischen Aue und Bremen respektive Hamburg, dennoch dürfte die Polizei wenig erpicht darauf sein, gleich drei große Fangruppen trennen zu müssen. Da sich die Spielstätte der Werder-Reserve aber dummerweise direkt auf dem Gelände des Weserstadions befindet, wurde die Drittligapartie vorsorglich in den Stadtteil Oberneuland verlegt.

Dort trägt gewöhnlich der FC Oberneuland seine Heimspiele in der Regionalliga Nord aus. Der „Sportpark am Vinnenweg“, der mit 5.050 Plätzen so gerade eben die Vorraussetzungen für die 4. Liga erfüllt, ist aber eigentlich deutlich zu klein für die höchste DFB-Spielklasse:

Zuschauerkapazität des Stadions von mehr als 10.000 Plätzen, davon mindestens 2.000 Sitzplätze.

Aber der DFB wäre aber nicht der DFB, wenn er für die zweiten Mannschaften nicht noch eine Sonderregelung aus dem Hut gezaubert hätte:

Für 2. Mannschaften der Lizenzligen: Zuschauerkapazität des Stadions von über 5.000 Besucherplätzen;

Und die 5.000er-Marke wird von der schnuckeligen Stadtteil-Arena ja um genau 50 Plätze übertroffen. Alles klar also? Nicht ganz:

Benennung Ausweichstadion für Spiele mit erhöhtem Zuschaueraufkommen bzw. Risikospiele.

Und wenn eine lila-weiße Karawane aus dem Erzgebirge kein „erhöhtes Zuschaueraufkommen“ darstellt, was dann? Pech, dass das für diese Fälle als Ausweichstadion benannte Weserstadion bereits anderweitig belegt ist.

Während also immer wieder Vereine vom Aufstieg in den überregionalen Fußball ausgeschlossen oder zumindest unnötig schikaniert werden, weil die Umrüstung ihrer Stadion mit unangemessenen finanziellen Risiken einherginge, setzt sich der DFB hier nonchalant über die selbst gesetzten Anforderungen für drittligataugliche Spielstätten hinweg.

Basisnähe geht anders. Vernünftige Spieltagsplanung erst recht.