Tennis World Team Cup 2010 in Düsseldorf

Eine Sportart im Abseits?

Tennis war einmal verdammt populär in diesem Lande. Ein Garant für Rekord-Einschaltquoten, Vereine konnten sich vor neuen Mitgliedern kaum retten. Doch die Boom-Zeiten der späten 80er- und frühen 90er-Jahre sind sind passé. König Fußball regiert unangefochten. In Düsseldorf kämpft eines der letzten großen Turniere um seinen Fortbestand.

Ein nobles Wohngebiet im Osten der Landeshauptstadt. Einfamilienhäuser und Zahnarzt-Villen verströmen gediegene Langeweile. Weltklasse-Sport würden hier wohl nur die Wenigsten vermuten. Und doch erregt dieser Ort Jahr für Jahr im Mai die Aufmerksamkeit der Tenniswelt. Seit 1978 wird im Stadtteil Ludenberg die so genannte Mannschaftsweltmeisterschaft ausgetragen. Punkt zwölf Uhr mittags soll die diesjährige Ausgabe starten. Das Quecksilber zeigt 17 Grad, der Himmel ist leicht bewölkt – ideales Tenniswetter.

Kohlschreiber gegen Chardy lautet die Auftakt-Paarung auf „Center Court 1“. Das Match des deutschen Spitzenspielers beginnt mit leichtem Verzug. Noch immer betreten Zuschauer die Anlage und suchen nach ihren Plätzen. Viele sind komplett in Weiß gekleidet und kommen damit einem Aufruf des Veranstalters nach, der den ersten Turniertag zum „White Sunday“ erhoben hat.

Ein bisschen Spaß muss sein

Einer, der sogar den passenden Nachnamen zum weißen Sonntag trägt, darf natürlich nicht fehlen: Roberto Blanco. Mit kalkulierter Verspätung zelebriert der Republik oberster Tennisfan seinen Einmarsch. Drei Spiele sind zu diesem Zeitpunkt bereits absolviert, Philip Kohlschreiber hat gerade zum ersten mal seinen Aufschlag abgegeben. Die Maxime des Schlagerbarden ist klar: Wer pünktlich kommt, fällt auch nicht auf.

Beachtung wünschen sich freilich auch die Finanziers des Sportevents. Doch diese kann das hierzulande zur Randsportart verkommene Tennis längst nicht mehr garantieren. Trotz Live-Übertragung im WDR-Fernsehen hat der Hauptsponsor, der Düsseldorfer ARAG-Konzern, vor kurzem das Ende der Zusammenarbeit verkündet. Ob und wie das Turnier auch 2011 ausgetragen werden kann, ist derzeit noch unklar. Man sei „aber zuversichtlich“, beschwichtigte Turnierdirektor Dietloff von Arnim, obwohl Unternehmen „vornehmlich in die Fußball-Bundesliga investieren“ würden.

Phillip Kohlschreiber hat den ersten Satz mit 2:6 verloren. Auch im zweiten liegt sein französischer Gegner bereits mit einem Break in Führung. Gleichwohl ist Deutschland gemeinsam mit drei anderen Nationen Rekordsieger des World Team Cups. Boris Becker gewann hier den einzigen Sandplatz-Wettbewerb seiner Karriere.

Helden aus der zweiten Reihe

Athleten dieses Kalibers machen mittlerweile einen großen Bogen um den Rochusclub. Der Tscheche Tomáš Berdych ist als gerade einmal 16. der Weltrangliste der nominell stärkste Spieler im Feld. Zum einem liegt das am sportlichen Wert des Cups – Ranglisten-Punkte gibt im Gegensatz zum parallel ausgetragenen ATP-Turnier in Nizza nicht zu erringen. Die Stars der Szene nutzen aber ohnehin verstärkt finanziell lukrativere Schaukämpfe als Vorbereitung für die eine Woche später beginnenden French Open.

Für Kohlschreiber käme das Grand-Slam-Turnier in Paris eindeutig zu früh. Chancenlos ist er gegen den bärenstark aufschlagenden Jérémy Chardy. 2:6 und 4:6 – das nüchterne Ergebnis einer einseitigen Partie. Frankreich führt somit 1:0, Deutschlands Nummer zwei ist jetzt gefordert. Ein 24-Jähriger, der sich seinen Namen ausgerechnet mit einem Fußball-Nationalspieler teilt.

Während auf dem Hauptplatz nun 15 Minuten Pause angesagt sind, wird auf „Center Court 2“ noch gespielt. Der US-Amerikaner Querry und der Australier Luczak liefern sich einen packenden dritten Satz. Hier ist alles eine Nummer kleiner, die Zuschauerränge flacher. Windböen behindern die Spieler beim Aufschlag. Solche Feinheiten sind von der Stehplatz-Tribüne besonders gut zu erkennen. Sie ist so etwas wie die Nordkurve der wahren Tennisfans.

Sehen und gesehen werden

„Die da drüben kommen doch nur zum Kaviarfuttern hierhin“, meint Manfred, ein Mittvierziger mit kräftigem Schnauzbart. Er deutet mit verächtlicher Miene auf das VIP-Zelt auf der gegenüberliegenden Spielfeldseite. Zehn Euro kostet das Tagesticket für den Stehplatz-Bereich. Live-Tennis muss also keineswegs nur ein Thema für Gutbetuchte sein.

Dennoch sind auf der Anlage nur wenige Familien zu sehen, es dominiert der Düsseldorfer Geldadel. Dabei hat der World Team Cup genau hier seine Stärke: Die Atmosphäre ist intim und unverkrampft, die Anhänger kommen so dicht an die Spieler ran wie bei kaum einem anderen Turnier. Minutenlang schreibt etwa der baumlange Sam Querry Autogramme nach seinem knappen Erfolg.

Von Arnim wäre gut beraten, potentiellen Geldgebern genau solche Szenen zu zeigen. „Alleinstellungsmerkmal“ nennt sich das im Marketing-Sprech. Und nicht nur für das Turnier, auch für das deutsche Herrentennis besteht noch Hoffnung. Andreas Beck, der Mann mit dem Fußballernamen, hat im Duell mit Frankreich zum 1:1 ausgeglichen.