Immer gegen die Deutschen

Zur deutschen WM-Folklore gehört seit geraumer Zeit – neben dem beständigen Erreichen des Viertelfinales – das Beklagen vermeintlicher Fehlentscheidungen. Vor allem Platzverweise und Sperren sorgen immer wieder für Unruhe im DFB-Lager. Eine kleine Chronologie:

  • 1998 – Christian Wörns ist nicht nur gedanklich zu langsam für Davor Šuker und fliegt vom Platz. Berti Vogts wittert eine Verschwörung.
  • 2005 – Deutschlands Wunderstürmer Mike Hanke sieht im kleinen Finale des Confed-Cups den roten Karton und wird für die nächsten zwei Pflichtspiele gesperrt. Mangels Qualifikation ist das gleichbedeutend mit den ersten beiden Gruppenspielen bei der Heim-WM.
  • 2006 – Sugar Ray Frings wird unter skandalösen Umständen vom Weltverband IBF vom Halbfinal-Kampf gegen Italien ausgeschlossen. Der Schlachtruf „Nie wieder Pizza“ steht seitdem synonym für einen IQ unter Raumtemperatur.
  • 2010 – Der spanische Schiedsrichter bleibt unverständlicherweise seiner harten Linie treu und zeigt Miroslav Klose nach einem dämlichen Frustfoul die verdiente Ampelkarte. Der Facebook-Mob tobt.

Diese Fälle von sehr selektiver Wahrnehmung werden zusätzlich von einem Vorfall relativiert, der allerdings schon etwas länger zurückliegt. 45 Jahre um genau zu sein, und mir selbst war diese Episode bis vor kurzem überhaupt nicht bekannt. Da musste schon die kostenlose Android-App „Franz Beckenbauer Quiz“* [sic] um die Ecke kommen:

Na, wer weiß es?

Antwort B (also die zweite  von oben) ist richtig. Die Fifa hat einfach nonchalant auf die Sperre verzichtet. So etwas kann wohl nur einem ewigen Glückskind wie dem Franzl passieren. Ob sich die Fans des Finalgegners daraufhin in „Nie wieder Bratwurst“-Gesängen ergeben haben, ist hingegen nicht bekannt.

*bietet Spielspaß fur etwa eine mittellange Straßenbahnfahrt

Der historische Schuss (01): Bitte nicht drängeln

WM 2006: Angola – Portugal 0:1 (in Köln)

Luís Figo, Simão, Cristiano Ronaldo, Pauleta. Eine Offensivabteilung, die eigentlich mehr als fünf Minuten guten Fußball erwarten lässt. Aber nach einem Treffer und einem Schuss an den Außenpfosten stellen die Mannen um den aktuellen Weltfußballer bereits nach 300 Sekunden alle Angriffsbemühungen ein.

Dennoch schafft es ein von jeglichem Sachverstand unbelastetes Publikum problemlos, die schwache Darbietung auf dem Rasen zu unterbieten. Effzeh-Hymnen wechseln sich ab mit Karnevalschlagern, deren Tolerierung einen durch Genuss der exklusiv ausgeschenkten Ami-Plörre unmöglich zu erreichenden Alkoholisierungsgrad erfordern. Wer nicht aus Köln kommt, stimmt wahlweise mexikanische Wellen oder Deutschland-Sprechchöre an. So toll die WM auch wahr – gleichwohl lernte man irgendwie auch jeden aufrichtigen Fußball-Hasser zu schätzen.

Es waren die kleinen Geschichten, abseits des Sommermärchen-Hypes, die diesem durchkommerzialisierten Turnier eine Nuance Charme verliehen haben. Und so ließ ein einziges Foto, respektive die ulkige Begebennheit, die mich zum Betätigen des Auslösers animierte, selbst diesen eher durchwachsenen Juniabend in Müngersdorf in guter Erinnerung bleiben:

Die Umständlichkeit, die ein Großteil der angolanischen Fans beim Betreten des Stadions an den Tag legte, war einfach bemerkenswert. Wie Lemminge bildeten die Südwest-Afrikaner lange Schlangen vor den ersten vier Eingangstoren, obwohl sich direkt daneben etwa 15 weitere völlig menschenleer präsentierten. Eine wirklich absurde Szenerie, die in unserer Reisegruppe natürlich eine intensiv geführte Diskussion über soziologische und kulturelle Ursachen zur Folge hatte.

Die von Political Correctness geprägte Debatte hat ihren Höhepunkt längst überschritten, als sich Oberstudienrat Keek B.* aus L. in seinem ihm ureigenen Habitus zu einem lakonischen Fazit hinreißen lässt:

Das sind die bestimmt von der Essensausgabe so gewohnt.

Das nennt man wohl pädagogischen Pragmatismus.

* Name der Redaktion bekannt