Sonntagsschuss: Lumpis Rekord

Die Amis haben’s gut: Ein Rebound ist ein Rebound ist ein Rebound. Ein RBI ist…

Beim Fußball hingegen ist das ja immer so eine Sache mit den individuellen Statistiken. Bis heute konnte mir niemand überzeugend vermitteln, wie sich genau ein „Zweikampf“ definiert. Wo fangen lange Pässe an, wo hören kurze auf?

Was mit der berühmt-berüchtigten „ran-Datenbank“ begann, ist spätestens seit dem Auftauchen von Unternehmen wie Opta in eine absurde Superlativjagd ausgeartet. Rekord: Vier Kopfballtore in sieben Spielen mit ungewaschenen Ohren (saisonübergreifend). You name it.

Mit ein und demselben Verein von der 4. in die 1. Liga aufzusteigen und in jeder dieser Spielklassen auch zu spielen, ist aber anscheinend tatsächlich noch keinem Profi gelungen. Bis gestern. Hut ab, Andreas „Lumpi“ Lambertz!

Damit war 2004 noch nicht unbedingt zu rechnen, als Du mit einem Affen auf der schmächtigen Brust für Fortuna in der Oberliga Nordrhein gezaubert hast:

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Szene aus der Saison 2003/04, Oberliga Nordrhein: GFC Düren – Fortuna Düsseldorf

Fiel Europacup

Vier deutschen Zweitligisten ist seit der Wiedervereinigung der Sprung auf die europäische Bühne gelungen: Hannover 96, 1. FC Kaiserslautern, Union Berlin und Alemannia Aachen. Die Teilnahmeberechtigung erfolgte logischerweise in allen Fällen über den DFB-Pokal, wobei sich die drei beiden letztgenannten jeweils als unterlegener Finalist qualifizierten. Kritik an dieser Praxis mag durchaus berechtigt, heute aber nicht unser Thema sein.

Lässt man nun Ergebnisse und Mannschaftskader dieser Vier in den entsprechenden Spielzeiten vor seinem inzwischen fussballdatenbankgeschulten inneren Auge Paroli laufen, wird man irgendwann unweigerlich auf den Spieler Fiel, Christian aufmerksam. Der 32-Jährige, mittlerweile für Dynamo Dresden in der – natürlich – 2. Bundesliga aktiv, konnte mit Aachen und Berlin gleich zwei mal als Angestellter eines unterklassigen Clubs am UEFA-Cup teilnehmen.

Christian Fiel ließ sich nicht lumpen und stand in insgesamt zehn Partien der beiden sich wacker schlagenden Underdogs auf dem Platz. Er absolvierte alle vier Spiele für Union und sechs von acht für die Alemannia :

20.09.2001 Haka Valkeakoski – 1. FC Union Berlin 1:1
27.09.2001 1. FC Union Berlin – Haka Valkeakoski 3:0
18.10.2001 1. FC Union Berlin – PFC Litex Lovech 0:2
30.10.2001 PFC Litex Lovech – 1. FC Union Berlin 0:0

16.09.2004 FH Hafnarfjörður – Alemannia Aachen 1:5
30.09.2004 Alemannia Aachen – FH Hafnarfjörður 0:0
21.10.2004 Alemannia Aachen – Lille OSC 1:0
04.11.2004 Sevilla FC – Alemannia Aachen 2:0
02.12.2004 Alemannia Aachen – Zenit St. Petersburg 2:2
15.12.2004 AEK Athen – Alemannia Aachen 0:2

Die Spieler von Lausanne-Sport hatten in der vergangenen Europa-League-Saison sogar die Chance auf zwölf Europa-League-Einsätze für den damaligen schweizer Zweitligisten. Sechs dieser Spiele fanden allerdings in der Qualifikation statt und sind damit nicht relevant.

Wir behaupten also: Zehn Europapokalspiele als Zweitligaprofi – das ist ein Rekord! Muss einfach einer sein. Oder? Ich weiß nicht… Also wer einen Zweitligakicker mit mehr Europapokaleinsätzen kennt, möge dessen Namen bitte in den Kommentaren mit seinen Mitmenschen teilen oder für immer schweigen. So.

Ein Pokalrekord, der keiner ist

41.400 Zuschauer haben das Pokalspiel zwischen Germania Windeck und Bayern München im Stadion gesehen. Diese Kulisse bedeutet einen Rekord für einen Amateurclub im DFB-Pokal.

Behaupten unter anderem die (sid-Meldung), die, die oder auch die. Welt Online setzt sogar noch einen drauf:

Vor 41 100 Zuschauern im Kölner WM-Stadion (Weltrekord für Spiele zwischen Amateur- und Profiklubs) […].

Ein WELTREKORD also. Ob es sich dabei um einen deutschen oder internationalen Weltrekord handelt, bleibt indes unklar.

Wir sehen hier also ein bunte Mischung verschiedener Mediengattungen – Nachrichtenmagazin, Special-Interest-Portal, lokale und überregionalen Zeitungen –, die eine Tatsache eint:

Die Rekord-Behauptung ist falsch!

Bereits ein gar nicht allzuweit zurück gerichteter Blick in die Archive hätte gezeigt, dass da etwas nicht stimmen kann. In der Pokalrunde 07/08 empfing im Achtelfinale der Wuppertaler SV (damals: Regionalliga Nord, 3. Liga) eben jenen Rekordmeister, der scheinbar gerne für solche Rekordkulissen sorgt. 61.482 Zuschauer wollten damals die in der Schalker Arena ausgetragene Partie live vor Ort verfolgen. Genau 20.382 mehr als gestern in Köln.

Wie kann es zu dieser vielfachen Fehlleistung kommen? Nun, vermutlich beruft man sich allerorten auf den ZDF-Mann, der die Zusammenfassung des Spiels kommentierte und diese Rekord-Mär in die Welt setzte. Deshalb schreiben wir uns dick und fett ins Journalisten-Handbuch: Zur Verifizierung solcher Sachverhalte müssen immer mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen bemüht werden.

Belanglos im Ersten

Noch nie Dagewesenes trug sich am Samstag während des Bundesligaspiels in Wolfsburg zu, sämtliche Vereinschroniken des 1. FC Nürnberg müssen jetzt zwangsläufig neu geschrieben werden. Acht mal haben die Glubberer in der ersten Spielhälfte versucht, die Kugel im Wolfsburger Gehäuse unterzubringen, was nicht weniger als einen neuen Vereinsrekord darstellt. Behaupten die Weltklasse-Journalisten der Sportschau.

Jeder Bambino weiß: Die Anzahl der Schüsse in der ersten Halbzeit ist eine der wichtigsten Kennziffern im Fußballsport überhaupt. Da verwundert es nicht, dass die vor Glück besoffenen Franken im zweiten Abschnitt noch drei Treffer erzielen und das Duell für sich entscheiden konnten. Dennoch bleibt der überraschende Auswärtserfolg an diesem sporthistorischen Tag nicht mehr als eine kleine Randnotiz.

Ich habe nichts gegen Statistiken. Wirklich nicht. Ganz im Gegenteil. Irgendeine Art von Gehalt sollten sie allerdings schon haben. Gleichwohl ist die Debatte über Sinn und Unsinn solch sperriger Superlative die eine, deren Wahrheitsgehalt noch einmal eine ganz andere Sache. Bei Freiburg oder Mainz würde ich wohl gar nicht auf die Idee kommen, daran zu zweifeln. Aber wir reden hier immerhin vom Glubb. Traditionsverein, Neunmaliger, Gründungsmitglied, Abstieg als Titelträger, you name it.

Wie darf man sich die Ermittlung des nun gebrochenen Rekordwertes vorstellen? Jahrzehntelanges Stöbern nach verstaubten Radiomitschnitten auf den Dachböden Nürnberger Privathaushalte samt anschließender Auswertung? Oder hat man sich vielleicht doch eher auf eine von Reinhold Beckmann angefertigte Privatkopie der ran-Datenbank verlassen und die Zeit vor Beginn der Aufzeichnungen nonchalant unter den Tisch fallen lassen? The answer my friend…

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Arme Lilien: Statt Rekord von Spatzen vernascht

Seit einigen Wochen warb der von der Insolvenz bedrohte Regionalligist Darmstadt 98  – unter anderem auch ganz webzwopunktnullig über Twitter – für sein Heimspiel am 07. März gegen den SSV Ulm. Die Lilien hatten sich zum Ziel gesetzt, den Rekord für ein viertklassiges Pflichtspiel in Deutschland zu überbieten. Aktuell soll dieser bei 14.020 Besuchern liegen, aufgestellt beim traditionsreichen Hass-Derby 1. FC Union vs. BFC Dynamo in der Saison 2005/2006. Letzte Wasserstandsmeldung ein Tag vor dem Spiel: 8.000 verkaufte Tickets.

Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob der in Berlin erreichte Wert tatsächlich die Bestleistung in der vierten Liga darstellt. Zumindest ein Relegationsspiel mit einer größeren Kulisse hat es bereits gegeben. 2001 trafen im aufstiegsentscheidenden Kräftemessen die beiden Staffelsieger der Nordost-Oberligen aufeinanderer, welches der 1. FC Magdeburg wiederum gegen BFC vor 20.000 Zuschauern für sich entscheiden konnte. Für eine reguläre Ligapartie konnte ich aber tatsächlich keine höhere Zuschauerzahl recherchieren.

Ein Vergleich ist auch deshalb kompliziert, weil das hiesige Ligensystem in den letzten 46 Jahren ständigen Umstrukturierungen und Umbenennungen ausgesetzt war. Mangelde Dokumentation in Vor-Internet-Zeiten macht die Sache nicht gerade einfacher. Seit der Einführung der Bundesliga firmierten die höchsten vier Spielklassen jedenfalls folgendermaßen:

* in manchen Landesverbänden auch „Landesliga“ genannt

Daraus ergeben sich folgende Zuschauerrekorde (ab 1963):

An dieser Liste hat sich durch das Spiel am Samstag nichts geändert. Lediglich 11.100 Zahlende wollten das Aufeinandertreffen der beiden ehemaligen Bundesligisten live vor Ort verfolgen, was natürlich trotzdem eine ordentliche Hausnummer ist. Es ist allerdings mehr als fraglich, ob angesichts der verheerenden 0:4-Niederlage gegen die Spatzen viele der Neo-Stadiongänger zu einem „normalen“ Punktspiel ohne Rahmenprogramm und sonstigem Pipapo wiederkehren werden.

Dem SVD ist auf jeden Fall zu wünschen, dass die Partie ein ausreichend großes Sümmchen in die Vereinskasse gespült hat. Als bekennender Event-Otto, der 2005 beim historischen 8:0 in der Alten Försterei dabei war, bin ich aber natürlich froh, dass die damals gesetzte Marke weiterhin Bestand hat.