Links KW 42 2011

Weltelf

Heinz Kamke hat mal wieder ein nettes Stöckchen ins Blogosquarium geschmissen. Und wie wir Pawlowschen Seehunde eben so sind, musste ich auch danach tauchen. Bitte sehr:

Tor

  • Tim Wiese

Abwehr

  • Phillip Lahm – nicht wegen seines dämlichen Kinderbuches, nein, die Nähe zur Foto-Zeitung und sein generell csu-eskes Auftreten reichen völlig aus
  • Jürgen Kohler – ein wandelnder Ellenbogen mit bescheuertem mannemer Dialekt
  • Christian Wörns – ein wandelnder Ellenbogen mit bescheuertem mannemer Dialekt

Mittelfeld

  • Roy Keane – wer absichtlich Gegenspieler kaputt tritt hat es einfach nicht verdient, retrospektiv das Attribut „Kultspieler“ angeheftet zu bekommen
  • Marian Hristov – die Nebelschwalbe
  • Marko Marin
  • Der Pate eines Schabrackentapirs
  • Diego (der Unechte) – selten hat der Fußballgott so viel Talent falsch verteilt

Sturm

  • Ronaldo (der Unechte) – siehe Diego
  • Marcelinho

Trainer

  • Michael Henke – dieser Kerl ist vermutlich schon als dauerreklamierender Co-Trainer im Windschatten Ottmar Hitzfelds auf die Welt gekommen

 

Überraschend viele aktuelle bzw. vor kurzem noch aktive Spieler dabei. Den Kempen von früher begegne ich offenbar mit einer gewissen Altersmilde.

Stranger than Fiction

Deutschland 2010: Eine Nation im WM-Fieber. Innenstädte scheinen vor lauter Großleinwänden kaum noch begehbar, auch in vielen Lichtspielhäusern kann dem gemeinsamen Fußballgenuss gefrönt werden. In einem solchen blickte Stadioncheck.de der hässlichen Fratze des Rudelguckens todesmutig ins Gesicht.

Irgendwo im Ruhrgebiet. Drei Frauen und ich auf dem Weg in ein Multiplex-Kino. Gruppenzwang. Im Auto-Radio läuft der unsägliche Formatsender Eins Live. Keine Schule, kein Handwerksbetrieb, wo nicht mindestens ein Radioreporter die „Stimmungslage“ abklopft. Gebührenfinanziert, versteht sich. Eine Horde Halbstarker singt sich in Brackwede warm, in Ennepetal juchzen Bürokauffrauen um die Wette. Endlich wird die totale Verbeachvolleyballisierung einer Sportart von schlechter Popmusik unterbrochen. Nie waren Destiny’s Child so wertvoll wie heute.

Knapp 30 Personen haben sich zu Spielbeginn in einem klimatisierten Saal mittlerer Größe eingefunden. Public Fewing statt Viewing. Auffällig: Das Bild auf der riesigen Leinwand ist viel unschärfer als erwartet. Thomas Müller wirkt so in der Großaufnahme ein wenig wie einer der Na’vi aus dem 3D-Blockbuster „Avatar“. Den 3D-Effekt muss Fan sich ohne Brille freilich dazudenken. Immerhin: Vuvuzelas sind verboten.

Anstoß. Während Krasic seinen Gegenspieler Badstuber zum ersten mal ganz alt aussehen lässt, tricksen hinter mir zwei clevere Mittzwanziger die Tröten-Prohibition aus. Mit einer Kuh-Glocke. „Stimmung machen“ nennen sie ihr Gebimmel. Stimmung, das Unwort des Jahrtausends. Zum Mitschreiben: Stimmung herrscht, Stimmung wird nicht gemacht.

Profis überall

Als der spanische Schiedsrichter Undiano innerhalb weniger Minuten vier gelbe Karten verteilt, enntbrannt unter den Glöcknern eine heftige Diskussion. Dürfen verwarnte Spieler ausgewechselt werden oder nicht? Nach kurzer Beratung kommt die Expertenkommission zum Ergebnis, dass eine solche Rochade erlaubt sein müsste. Allerdings „nur in der Halbzeitpause.“ Das ist natürlich absolut korrekt.

Der bereits vorbestrafte Miro Klose bettelt derweil um seine Herausstellung. Spätestens jetzt hätte Löw reagieren müssen. Wenige Minuten später ist es dafür zu spät: Der 32-Jährige sieht nach einem weiteren unnötigen Tackling die Ampelkarte. Sicher, das Foul war nicht böswillig. Doch man musste einfach damit rechnen, dass der Unparteiische seine Linie konsequent durchzieht

Wenige Sekunden später: Langer Steilpass, Holger Badstuber ist im Sprintduell gegen Krasic chancenlos. Und das, obwohl er mit zwei Metern Vorsprung gestartet war. Die Flanke des Flügelspielers erreicht Dikembe Mutombo, der keine Mühe hat, gegen Muggsy Bogues zum Dunking anzusetzen. Nein, ernsthaft: 32 cm beträgt der Größenunterschied zwischen Nikola Žigić und Phillip Lahm, dagegen war Letschkow vs. Häßler ein Duell auf Augenhöhe.

Der lange Angreifer vom FC Valencia kann so natürlich problemlos per Kopf auf den völlig freistehenden Milan Jovanović ablegen. Dieser hat sogar noch die Muße, den Ball mit der Brust anzunehmen, sich in aller Seelenruhe einen Sliwowitz einzuschenken und dann, frisch gestärkt, Jabulani in die Maschen zu dreschen. 1:0 für Serbien!

Wenn ich jemanden diesen Treffer gönne, dann der „Schlange“, Milan Jovanović. Ein Stürmer, der immer alles aus sich herausholt und an guten Tagen ganz alleine eine Abwehr terrorisieren kann. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen schnelleren Spieler live im Stadion erlebt habe. Über 50 Ligatore hat der 29-Jährige in seiner Zeit bei Standard erzielt, von daher nehme ich ihm seinen Wechsel nach Liverpool keinesfalls übel. Mach’s gut, „Lane“.

EHC Bremen

Wir müssen reden. Über Per Mertesacker. Seit Jahren beglückt Werder die Bundesliga mit Einshockeyergebnissen, satte 175 Gegentreffer hat der 25-Jährige im Laufe seiner vier Spielzeiten bei den Grün-Weißen erlebt. Erstaunlich, dass der stacksige, hüftsteife, langsame und gemessen an seiner Körpergröße auch nicht übermäßig kopfballstarke Mertesacker irgendwie trotzdem nie in der Kritik steht. Noch erstaunlicher, dass mit Wiese und Frings zwei weitere Defensivspieler aus der Bremer Schießbude vehement ihren Einsatz bei der WM forderten.

Beim Gegentreffer hat der gebürtige Hannoveraner das Kunstück vollbracht, gleich zwei kapitale Fehler innerhalb weniger Sekunden zu begehen. Zunächst schleicht Žigić, dem er zweifelsohne zugeteilt war, in seinem Rücken davon. Zu allem Überfluss springt er dann auch noch halbherzig in Richtung Spielgerät, welches er nie und nimmer erreichen wird, statt Jovanović im Fünf-Meter-Raum zu übernehmen. Mit einem direkten Kopfball auf die kurze Ecke wäre Manuel Neuer jedenfalls kaum zu überwinden gewesen.

Kurze Zeit später setzt Khedira das Leder den Kunststoff an den Querbalken. Saal 3 steht Kopf. Der Halbzeitpfiff sorgt zunächst einmal für Beruhigung. Endlich dürfen die verwarnten Spieler getauscht werden. Doch Joachim Löw vertraut der gleichen Zehn wie vor dem Wechsel. Deutschland spielt also weiter ohne nominelle Sturmspitze.

Dafür dreht Mesut Özil endlich auf. Traumpass in den Lauf von Podolski, der Kölner verzieht frei vor Torhüter Stojkovic. Nicht wenige Anwesende haben bereits zum Torjubel angesetzt. Özil lässt genial auf Podolski abtropfen, der nagelt den Ball aus spitzem Winkel ins Außennetz. Jetzt drehen alle ab. Im Public-Viewing-Paralleluniversum ist Deutschland gerade mit 2:1 in Führung gegangen. In der Realität steht es weiterhin 0:1.

Serbien ist eine Basketballnation. Vielleicht erklärt dieser Umstand, wieso Vidic, ähnlich wie Kuzmanović in der Auftaktpartie gegen Ghana, eine in seine Nähe segelnde Flanke mit der Hand fangen möchte. Erneut ein mehr als überflüssigen Handelfmeter. Doch selbst dieses Geschenk will Lu-Lu-Lu Lukas Podolski nicht annehmen. Stojkovic hält.

Vandalismus 2.0

Dennoch sorgt auch dieser Fehlschuss nicht für die Entscheidung, das übernimmt Löw höchstpersönlich. Klar, Özil hat in der ersten Hälfte nicht viel gezeigt, aber das kann doch in dieser Situation kein Maßstab mehr sein. Jede gefährliche Aktion im zweiten Abschnitt ging vom jungen Bremer aus, seine Auswechslung ist daher mehr als unverständlich. Auch die Hereinnahme von Marin für Müller erscheint wenig sinnvoll, wenn es den Elfmeter bereits gegeben hat. Play the odds, Jogi!

Serbien mogelt seinen knappen Vorsprung ins Ziel. Letztendlich etwas unglücklich für eine gut kämpfende deutsche Mannschaft. Im Netz tobt sich der Mob auf der Facebook-Seite von Señor Undiano aus. Im Kino hingegen bleibt es relativ ruhig. Es gibt zwar vereinzelte Unmutsäußerungen, aber das für einen zünftigen Sprechchor nötige Nationalgericht will niemandem einfallen. Paella wär’s gewesen, ihr Flaschen, oder meinetwegen auch Tapas. Das kommt davon, wenn man selbst auf Malle nur Schnitzel mit Pommes konsumiert. „Nie wieder Pizza“ kann schließlich jeder.

54, 74, 90, 2014

„Potential“ ist ein Begriff, den Bundestrainer Joachim Löw häufig benutzt, wenn er nach den den Stärken seiner Mannschaft gefragt wird. Dabei würde ihm wohl niemand widersprechen wollen. Und doch ist Potential vor allem etwas nicht Greifbares, in erster Linie ein Versprechen in die Zukunft.

Einer der wenigen im Kader, die bereits heute ihr volles Potential ausgeschöpft haben, ist Phillip Lahm. Genau genommen ist der Münchner nach aktuellem Stand der einzige Feldspieler im Team, dem getrost das Attribut „Internationale Klasse“ angeheftet werden kann. Neben sportlichem Können sticht beim 26-Jährigen die Routine aus 65 Länderspieleinsätzen hervor.

Erfahrung ist ein Gut, über das ein Großteil der Auswahl nur in homöopathischen Dosen verfügt. Dass Deutschland bei dieser WM nicht zu den Topfavoriten zählt, dürfte in erster Linie diesem Umstand geschuldet sein. Zudem fehlt nach Ballacks Ausfall der Anführer, einer, der dem sicherlich talentierte Ensemble in kritischen Situationen Halt verleiht.

Doch was ist tatsächlich möglich in Südafrika? Die Vorrunde wird die DFB-Auswahl überstehen. Ghana und vor allem die überalterten Australier sollten keine Stolpersteine darstellen. In der KO-Runde ist dann zwar alles möglich – das Erreichen des Viertelfinales müsste aber bereits als Erfolg gewertet werden.