Links KW 48 2010

Es gab nur Lügen, große Lügen.

Lokalzeitungen sind oft am dichtesten dran am Geschehen. Und so berichtet „Der Neue Tag“ auch in aller Ausführlichkeit über die bedauernswerten Vorgänge, die zur Insolvenz des Süd-Regionalligisten SpVgg Weiden geführt haben.

Und der Kommentator Yahiro Kazama, der Ende der 80er-Jahre für zwei Spielzeiten in der zweiten deutschen Bundesliga in Remscheid und Braunschweig gespielt hat, ist genau so schlecht wie bei euch Marcel Reiff: Er sagt nur, was er sagen will, auch wenn das mit dem Spiel manchmal gar nichts zu tun hat.

Big in Japan: Matthias von Schalkefan.de hat ein wirklich herausragend interessantes Interview mit einem weiblichen Schalkeanhänger aus Tokyo geführt. Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

All das, was vorher passiert war, war in dem Moment ja nicht wichtig: Wir schüttelten uns die Hand und damit war diese Sache nun endgültig erledigt. Wenn auch es für eine Privatperson ein klein wenig anstrengender ist, so etwas durchzuexerzieren, als für ein Unternehmen.

Ein Tag in Hollenbach. Was mit einem großen Missverständnis begann, hat mit dem Besuch des Trainers im Katar unter Deutschlands Oberligametropolen einen versöhnlichen Abschluss gefunden. Gottseidank.

Die Schlurch-Rechtfertigung

JAKO hat endlich reagiert und eine Pressemitteilung auf der Unternehmens-Website veröffentlicht. Bereits die Darreichungsform ist irgendwie eigenartig: JAKO-Chef Rudi Sprügel interviewt sich scheinbar selbst. Da vermutlich nicht ein jeder die Muße hat, sich das komplette Pamphlet anztun, zitiere ich als Leserservice die wichtigsten Abschnitte:

Wir haben uns rein rechtlich überhaupt nichts vorzuwerfen.

JAKO konnte seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2008 erneut um zehn Prozent auf 63,8 Millionen Euro steigern. 2008 verkaufte JAKO unter anderem 1,5 Millionen Trikots, 1 Million Trainingsanzüge und eine halbe Million Bälle. Auch 2009 liegt JAKO trotz Wirtschaftskrise auf Wachstumskurs.

JAKO ist Ausstatter von Bundesliga-Mannschaften wie Eintracht Frankfurt, Greuther Fürth, Rot-Weiss-Ahlen, FC Rot-Weiss Erfurt, SSV Jahn Regensburg, Dynamo Dresden sowie von Fußball-Erstligamannschaften in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien.

Gerade diese Mannschaften wissen die Qualität der JAKO-Produkte, die höchste Ansprüche erfüllt, zu schätzen und vertrauen auf die Kompetenz des JAKO-Teams.

Und mein Favorit:

Ohne die endgültige Klärung des Sachverhalts unter den Rechtsanwälten abzuwarten, alarmierte Baade daraufhin die Bloggerszene. Von den Bloggerseiten fand die Geschichte den Weg in die großen Tageszeitungen.

Es wird also ein schwer verdaulicher Brei aus Ausflüchten, Verharmlosungen samt einer Extra-Portion PR-Sprech serviert. Aufrichtige Worte des Bedauerns oder das Einräumen eines kapitalen Fehlers: Fehlanzeige. Bei allem Verständnis für die Interessen der Mulfinger – wäre es denn so schwer gewesen, über den eigenen Schatten zu springen und sich zu einer ernstgemeinten Entschuldigung gegenüber einem nervlich sicher sehr mitgenommenem Menschen durchzuringen?

Wenigstens möchte sich der Sprügel Rudi persönlich dafür einsetzen, dass dem „Hobby-Fußballtrainer“ aus der Geschichte „keine finanziellen Nachteile erwachsen“. Wir werden Sie beim Wort nehmen, Herr Vorstandsvorsitzender. Außerdem bekommt Baade noch eine Privataudienz beim Trikot-Papst. Ich wette einen Zehner, dass dieser Schachzug von mindenstens einem willfährigen Qualitätsmedium als „tolle Geste“ abgefeiert werden wird. Wer hält dagegen?

Zweiflügler und Rüsseltiere in Hollenbach

Vor gut 20 Jahren begann tief in der württembergischen Provinz die Erfolgsgeschichte eines Sportartikelproduzenten. Was in einer Garage mit vier Trainingsanzügen seinen bescheidenen Anfang nahm, hat sich zum mittlerweile zweitgrößten deutschen Hersteller für Teamsportbekleidung entwickelt.

Preiswerte Trikotsätze + Agieren auf Augenhöhe der Basis (Sportvereine) = Millionenumsätze für JAKO, so lautet die unternehmerische Zauberformel. Während Marketing und Vertrieb also ihre Aufgaben erledigen, läuft es in der PR-Abteilung – sofern überhaupt vorhanden – scheinbar weniger flüssig:

In einem Artikel hat ein bekannter Fußballblogger das Aussehen des neugestalteten JAKO-Logos auf launige Art und Weise kritisiert. Dieser mittlerweile per Abmahnung ausradierte Blog-Eintrag ist nun auf einem (mir) völlig unbekannten Newsaggregator erneut aufgetaucht.

Das rief wiederum die emsigen JAKO-Anwälte auf den Plan, die dadurch eine von Trainer Baade abgegebene Unterlassungserklärung verletzt sahen. Dass das Zueigenmachen des eigenen Contents durch externe Seiten, sei es durch Zitation oder Indizierung, wohl kaum im Einflussbereich des Urhebers liegt, dürfte nach gesundem Menschenverstand eigentlich klar sein. Eigentlich. Zwischen Jagst und Kocher verlangt man dessenungeachtet aber eine Strafzahlung in Höhe von 5.100,- EUR.

Soweit die Kurzfassung eines ungeheuerlichen Vorgangs, auf den ich erst durch den wirklich lesenswerten Text auf AAS aufmerksam wurde. Erlebt die deutsche Bloogsphäre gegenwärtig nach Jamba und der Bahn das nächste Unternehmen, das in ein zwopunktnulliges PR-Desaster schlittert? Es sieht schwer danach aus.

Soweit hätte es niemals kommen müssen. Selbst an Orten wo kein gesunder Menschenverstand zu Hause ist, kann durch vernünftiges Monitoring und Issues Management das Schlimmste – sprich: ein Negativimage und Schädigung der eigenen Marke – verhindert werden.Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten definiert Issues Management wie folgt:

IM ist die strategisch geplante Entdeckung, Analyse und Behandlung von unvorhersehbar, aber laufend eintretenden Bedingungen mit latenten öffentlichen Wirkungspotentialen in Form von neuen Schlagworten, Ideen, Themen, Ereignissen oder Problemen, die von den Medien thematisiert werden und in dem Maße soziale Wucht und temporale Dynamik entfalten, in dem handlungsrelevante Bezüge zu Personen, Organisationen und Institutionen hergestellt werden.

Nun stellt sich die Frage, ob ein unliebsamer, aber nur von ca. 400 Menschen gelesener Blogeintrag überhaupt schon ein Issue darstellt. Das ist vermutlich Ansichtssache. Sicher bin ich mir hingegen, dass es am besten gewesen wäre,

ihn über die eigene Verärgerung zu informieren und meinetwegen auch zu bitten, den Text zu entschärfen oder gar zu entfernen.

Spätestens nach der Löschung des Artikels und der abgegebenen Erklärung hätte das Thema aber abgehakt sein sollen, abgehakt sein müssen. Wie hier aus einer winzigen Issue-Mücke ein riesiger Problem-Elefant gemacht wird, ist schlichtweg abenteuerlich. Da ich durch eine vor etwas über einem Jahr verfasste Seminararbeit einigermaßen im Thema drin bin, erlaube ich mir mal einen altklugen Ratschlag (das Fazit aus besagter Arbeit) an JAKO:

Schlagworte wie „Web 2.0“, „User generated Content“ oder „Social Software“ sind in aller Munde. Blogs im Speziellen und das Internet im Allgemeinen haben für eine Emanzipation des Kunden gesorgt – weg von seiner angestammten Rolle des reinen Rezipienten. Die transportierten Meinungen und Fakten in knapp 200.000 deutschsprachigen und etwa 60 Millionen Weblogs weltweit, implizieren eine Unmenge an Risiken und Chancen für Unternehmen. […]

Die Herausforderung für die Öffentlichkeitsarbeit liegt dabei in der radikalen Transparenz begründet, die diese Entwicklungen hervorrufen. […] Sobald sich ein Foto oder Text erst einmal im Netz befindet, ist es kaum mehr möglich, derartige Inhalte wieder vollständig zu entfernen. Die Hauptaufgabe für die Unternehmens-PR besteht folglich darin, eine Art „Blogger-Relations- und Community-Management zu etablieren“ und zu optimieren.

Und selbst der konservativste Schwabe dürfte unter „Blogger-Relations-Management“ nicht das unerbittliche Eintreiben von existenzbedrohenden Geldstrafen verstehen. Basisnähe hat JAKO einst groß gemacht. Es ist „allerhögschde“ Eisenbahn, dass sich das Unternehmen wieder auf diese Kernkompetenz besinnt. Krisenkommunikation anyone?

Ich fordere die Verantwortlichen von JAKO daher auf, die lebensfremden Vorwürfe an Frank Baade zurückzunehmen und auf die Einforderung der Geldstrafe zu verzichten.

Alle Leser bitte ich, diesen Sachverhalt auf ihren eigenen Blogs, in Internetforen oder per twitter publik zu machen.

Artikelübersicht zum Thema (wird ständig aktualisiert):

 

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