Die große Flatter

Made my day:

Herr Casillas! Ich bitte Sie! Bälle haben einen abgründigen Charakter so wie Außenlinien zur manischen Depressivität neigen, nämlich gar nicht! Sie mögen anders fliegen als andere Bälle, aber die Grundvoraussetzungen für ein ordnungsgemäßes Fußballspiel sind gegeben: rund, knapp ein halbes Kilo schwer, aufgepumpt.

Es geht – ihr habt es sicher längst erraten – um die in regelmäßigen Intervallen (so alle zwei Jahre) aufkeimende Flatterball-Debatte.

Sollten die Flugeigenschaften des neuen WM-Balles tatsächlich so unberechenbar sein, wie jüngst von zahlreichen Vertretern der Trainer- und Torhüterzunft behauptet, müsste das ja für einen zum Torschuss ansetzenden Feldspieler genauso gelten. Nach dieser Logik würde demnach ein Schuss, der, mit einer Oldschool-Kugel ausgeführt, genau im Kreuzeck gelandet wäre, wahlweise ungefährlich in die Tormitte oder fünf Meter über die Latte segeln.

Nur gut also, dass Christiano Ronaldo die Flatterball-Schusstechnik „aus dem Effeff“ beherrscht. Der Bursche heult schließlich eh schon oft genug.

Tanze Teamgeist mit mir

Früher war alles besser. Zumindest schöner. Sogar so ein vermeintlich egaler Gegenstand wie ein Fußball. Die Rede ist natürlich nicht von irgendeinem, sondern von dem Fußball schlechthin. Benannt nach einem südamerikanischen Standardtanz und seit seiner Entwicklung 1978 viele Jahre der Inbegriff eines hochwertigen Spielballs.

Foto: Shine2010 (CC-Lizenz)

Der Nachbarsjunge bekam Ende der 80er einen, ein billiges Replikat aus Plastik. Änderte blöderweise nichts an meinem Neid. Im Sommer 1994 leistete sich unser Dorfverein einen „Questra“ − der offizielle Tango der Weltmeisterschaft in den US of A. Einen echten. Einen einzigen. Der musste für alle mit Bällen der Größe 5 spielenden Teams ausreichen. Und ab und zu durfte sogar die B-Jugend zum Tanz bitten.

Diesen seltenen Momenten fieberten die wenigen guten Techniker in unserer Mannschaft regelrecht entgegen. Auch für uns Torhüter waren Schüsse mit dem Tango eine wahre Wohltat. Fühlte sich einfach nach Fußball an, im krassen Gegensatz zu den bei Übungseinheiten verwendeten Eisenkugeln aka Trainingsbälle. Jene wettergegärbten Ellipsoide, von einem stadtbekannten Choleriker aka Jugendleiter bis kurz vor dem Platzen mit Druckluft befüllt, die insbesondere während der harten südbadischen Winter jeglichen Spielspaß an verstauchten Fingern abprallen ließen.

Das langsame Ende der Tango-Ära im klassischen Triaden-Design läutete die WM in Südkorea und Japan ein. Mit einer „syntaktischen Schaumschicht“ und einem bunten Asia-Look konnte der damalige Turnierball „Fevernova“ aufwarten. Die Nachfolger „Teamgeist“ (2006), „EUROPASS“ (2008) und „Jabulani“ (2010) sind bestimmt ebenfalls qualitativ hochwertige Sportgeräte. Und vielleicht bekommen auch die heutigen Nachwuchskicker feuchte Augen beim Anblick dieser Hightech-Produkte, ich weiß es nicht.

Ganz sicher bin ich mir hingegen, dass wir damals im Leben nicht auf die Idee gekommen wären, uns über die Flugeigenschaften „unseres“ Tangos zu beschweren.