Eigene Gesetze des Pokals entschlüsselt

Heute startet die 70. Austragung des nationalen Fußballpokalwettbewerbs. Und wie immer wird in unseren Qualitätsmedien über mögliche Pokalsensationen schwadroniert, bevor diese überhaupt stattgefunden haben. Weinheim, Vestenbergsgreuth, Trier, eigene Gesetze, Folklore, Folklore, Blabla.

Andererseits: Dass ein Regional- einen Erstligisten schlägt, passiert eben wirklich nur im DFB-Pokal. Das liege aber in erster Linie daran, wie amerikanische Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben, dass in keinem anderen Wettbewerb Teams aus derart unterschiedlichen Leistungsklassen aufeinandertreffen.

Myth busted.

Sonntagsschuss: Rehden ist Silber

5.631 Menschen leben in der Samtgemeinde Rehden. Und statistisch gesehen waren fast alle Einwohner zugegen, als der große Fußball einmal kurz in der niedersächsischen Provinz Station machte. Doch selbst die eilig errichteten Stahlrohrtribünen konnten aus den beschaulichen „Waldsportstätten“ keine Festung machen: Die Münchner Löwen gewannen ihre Erstrundenpartie im DFB-Pokal 2003/04 vor 5.500 Zuschauern souverän mit 5:1.

Post, moderne

Früher schrieb man noch Briefe und brachte sie danach ins Postamt. Macht man ja inzwischen kaum noch. Weil man kaum noch Briefe schreibt. Und weil es kaum noch Postämter gibt. Wer heute etwas mit dem gelben Riesen zu verschicken gedenkt, muss zu „Ingeborg’s Postkorb“ gehen. Oder in „Jessy’s Second Hand Shop 4 Kid’s“, der auch Postdienstleistungen anbietet. Oder zum Rahn. Überall das gleiche Bild: Wo einen früher gut bezahlte und schlecht gelaunte Beamte durch Panzerglas anmeckerten, wird man heute von schlecht bezahlten aber scheißfreundlichen Aushilfskräften bedient. In Sachen Kompetenz hat sich hingegen nicht viel verändert. Ich muss immer zu „Ingeborg’s Postkorb“, wenn ein Paket von Ämazän hinterlegt wurde. Briefe schreibe ich, wie alle anderen, fast gar keine mehr. Wenn, dann als Einschreiben mit Rückschein. Wer schon einmal mit den Wegelagerern vom Kundenservice eines DSL-Anbieters zu tun hatte, weiß wieso. Die Frage ist auch, was mit den ganzen Gebäuden passiert, die früher mal Postfilialen waren. Früher, also ganz früher, wurde aus einem ausrangierten Postamt oft ein Hotel oder eine Gaststätte gezaubert. Gerne „Alte Post“ oder „Zur Post“ genannt. Das kann allerdings auch zu Missverständnissen führen. Die Mutter einer Ex-Freundin vermute – ohne Spaß – einmal hinter der gut-bürgerlichen Fassade vom „Posteck“ den Sündenpfuhl einer Schwulenkneipe. In meiner Heimatstadt steht der riesige Betonklotz einfach ungenutzt in der Gegend herum. Obwohl, vielleicht werden dort die angeblich nicht angekommenen Kündigungsschreiben an die GEZ oder die Zeitschriftenabobetreuungsmafia zwischengelagert. Andere Wege der schriftlichen Kommunikation haben allerdings auch so ihre Tücken. Frag nach beim SV Wilhelmshaven oder beim Vater von Eric-Maxim Choupo-Moting, prominenteste Opfer des Faxgerät des Grauens. Der Faxdienst wurde 1979 durch die Deutsche Bundespost offiziell eingeführt. Heute würde er eher durch die Deutschlandzentrale von „Jessy’s Second Hand Shop 4 Kid’s“ eingeführt. 1979 aber noch nicht. Die Bundesliga gab es damals schon 16 Jahre. Wie wurden in der Zeit zwischen ganz früher und dem „Es gab immerhin schon Faxgeräte“-Früher eilige Schriftstücke nach Frankfurt übermittelt? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Motorradkurier stundenlang im „Posteck“ auf seinen Einsatz gewartet und dabei eine Apfelschorle getrunken hat. Falls Apfelschorle schon erfunden war. Ansonsten eben stilles Wasser. Wie man alles richtig macht, hat unlängst die Fußballabteilung des Eimsbütteler Turnverbandes gezeigt. Die komplette Mannschaft und der Trainer des DFB-Pokalteilnehmers gaben nach einem Finanzstreit fristgerecht ihren Vereinsaustritt zum 30. Juni bekannt. „Die Austrittserklärungen liegen mir alle unterschrieben vor“, sagte der erste Vorsitzende Frank Fechner. Es lebe das Einschreiben mit Rückschein!

Sechs Gründe, warum Schalke 04 den DFB-Pokal 2011 gewonnen hat

  1. VfR Aalen – FC Schalke 04 1:2 (0:1)
  2. FSV Frankfurt – FC Schalke 04 0:1 (0:1)
  3. FC Augsburg – FC Schalke 04 0:1 (0:0)
  4. FC Schalke 04 – 1. FC Nürnberg 3:2 n.V.
  5. FC Bayern München – FC Schalke 04 0:1 (0:1)
  6. MSV Duisburg – FC Schalke 04 0:5 (0:3)

From Frankfurt with Love

Um 1:38 Uhr MEZ erhielten wir vom Supercomputer aus der geheimen Kommandozentrale folgende Nachricht:

Sehr geehrter Ticketkunde,

das EDV-gesteuerte Losverfahren ist vollzogen und wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Ticketwunsch leider nicht erfüllt werden konnte.

Mit freundlichen Grüßen

DEUTSCHER FUSSBALL-BUND
– Ticketservice –

Same procedure seit etwa zehn Jahren.

Ein Pokalrekord, der keiner ist

41.400 Zuschauer haben das Pokalspiel zwischen Germania Windeck und Bayern München im Stadion gesehen. Diese Kulisse bedeutet einen Rekord für einen Amateurclub im DFB-Pokal.

Behaupten unter anderem die (sid-Meldung), die, die oder auch die. Welt Online setzt sogar noch einen drauf:

Vor 41 100 Zuschauern im Kölner WM-Stadion (Weltrekord für Spiele zwischen Amateur- und Profiklubs) […].

Ein WELTREKORD also. Ob es sich dabei um einen deutschen oder internationalen Weltrekord handelt, bleibt indes unklar.

Wir sehen hier also ein bunte Mischung verschiedener Mediengattungen – Nachrichtenmagazin, Special-Interest-Portal, lokale und überregionalen Zeitungen –, die eine Tatsache eint:

Die Rekord-Behauptung ist falsch!

Bereits ein gar nicht allzuweit zurück gerichteter Blick in die Archive hätte gezeigt, dass da etwas nicht stimmen kann. In der Pokalrunde 07/08 empfing im Achtelfinale der Wuppertaler SV (damals: Regionalliga Nord, 3. Liga) eben jenen Rekordmeister, der scheinbar gerne für solche Rekordkulissen sorgt. 61.482 Zuschauer wollten damals die in der Schalker Arena ausgetragene Partie live vor Ort verfolgen. Genau 20.382 mehr als gestern in Köln.

Wie kann es zu dieser vielfachen Fehlleistung kommen? Nun, vermutlich beruft man sich allerorten auf den ZDF-Mann, der die Zusammenfassung des Spiels kommentierte und diese Rekord-Mär in die Welt setzte. Deshalb schreiben wir uns dick und fett ins Journalisten-Handbuch: Zur Verifizierung solcher Sachverhalte müssen immer mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen bemüht werden.

Patschinski, der Regen und ich

DFB-Pokal – 10/11
Eintracht Trier – 1. FC Nürnberg
0:2 (0:1)
15.08.10, Moselstadion (Trier)
5.200 Zuschauer (ca. 1.400 Gäste)

Wer gestern von den Stehplatzterassen in Trier an, oder besser: in der Mosel Fußball geschaut hat, dem dürfte dieses Bild bekannt vorkommen:

Es schüttete im gesamten Südwesten wirklich aus allen Rohren. Hach, die Dächer dieser modernen Plastikarenen sind schon irgendwie nicht verkehrt,

Ansonsten war’s ein Pokalspiel wie vom Reißbrett: Die Amateure aus der Regionalliga West hatten viele gute Chancen, am Ende obsiegte die Effizienz des Erstligisten. Sinnbildlich für die vergeblichen Anstrengungen der Trierer steht deren prominentester Spieler – Stürmer Nico Patschinski. Ein Glücksritter von tragikkomischer Gestalt, der in seiner Karriere auch den einen oder anderen Abstieg mitgenommen hat. Er hat sich stets bemüht.

Ausdrücklich gelobt werden sollen an dieser Stelle die Eintrittspreise beim Pokalschreck aus der ältesten Stadt Deutschlands. 6,50 EUR für einen ermäßigten Stehplatz gehen mehr als klar.

Fotogalerie (Bilder durch Anklicken vergrößern):

Moselstadion Trier Moselstadion Trier
Moselstadion Trier Moselstadion Trier
Moselstadion Trier Moselstadion Trier
Moselstadion Trier Club-Fans

Spielberichte: Kicker.de | Eintracht-Trier.com | FCN.de | Clubfans United

Heisingens Finest

Es gibt Dinge, die existieren höchstens als fixe Idee in der Köpfen ehrgeiziger Nachwuchskicker, aber niemals, wirklich niemals, in der Realität. Zum Beispiel die Vorstellung, in der Nachspielzeit des Pokalspiels gegen den vermeintlich übermächtigen Erzrivalen alle Gegenspieler übersprinten, auf der Torlinie ein paar Faxen machen und dann die Pille unter dem Gejohle der Fans aber sowas von lässig zum entscheidenden 2:0 einschieben zu können. Total verrückt.

Wenn nun aber Rolf Töpperwien abkommandiert wird, den ungleichen Kampf von David („…der unter der Woche Rinderhälften durch den Schlachthof trägt.“) und Goliath zu kommentieren, wenn ein gebürtiger Essener seiner Heimatstadt einen seiner ersten Trademark-Aussetzer schenkt, dann werden Kindheitsträume eben manchmal doch wahr. Zumindest der von Jörg Lipinski.

Danke, Jens. Mit fast 18 Jahren Abstand lässt sich auch recht locker über diese Schmach reden. Und grüß den Matteschitz ganz lieb von uns.