Flach spielen, hochsterilisieren

Es ist mal wieder Zeit, mit einem der großen popkulturellen Mythen der Fußballgeschichte aufzuräumen. Ihr müsst jetzt ganz stark sein: Es war nicht Bruno Labbadia, der uns den wunderbaren Neologismus „Hochsterilisierung“ geschenkt hat. Bernd Hoss, damals Trainer bei Blau-Weiß 90, kannte bereits in der Saison 84/85 diese ganz besondere Form der Entkeimung:

Ob Hoss – hier ist Nomen zur Abwechslung wirklich mal Omen – nun tatsächlich der Vater dieser Wortschöpfung war, vermag ich nicht zu sagen. Er bestärkt mich aber zumindest in der vagen Erinnerung, den Ausdruck bereits vor Brunos legendärem Statement schon aus dem ein oder anderen Reportermund vernommen zu haben.

Das Spielfeldinterview ist übrigens nur der Schlussteil einer auch in seiner Gesamtheit wirklich sehenswerten Zusammenfassung einer Zweitliga-Partie zwischen eben jenem Blau-Weiß 90 und Hertha BSC. Ein echtes Berliner Derby also, wie es vielleicht nächste Saison in leicht veränderter Konstellation wieder stattfinden wird.

Helden aus der zweiten Reihe

Mit Spanien und den Niederlanden treffen im heutigen WM-Finale zwei Fußballnationen aufeinander, die, bei allen Unterschieden, eine Sache eint: die Schwäche der heimischen zweiten Liga.

Für die Vereine in Spaniens Segunda División A bleibt im medialen Schatten der Giganten aus Madrid und Barcelona scheinbar einfach kaum noch Aufmerksamkeit übrig. Dementsprechend gestalten sich die durchschnittliche Zuschauerzahl, die in den vergangen Jahren stets im vierstelligen Bereich bewegte. Zum Vergleich: Die zweite Bundesliga verzeichnete in der abgelaufenen Saison einen Mittelwert von knapp über 15.000 Besuchern, die englische Championship kratzte sogar knapp an der 18.000er-Marke.

Und wer sich schon einmal in unserem Nachbarland das Gebolze in der Eerste Divisie – die momentan freilich nach einer belgischen Brauerei benannt ist – angetan hat, muss sich angesichts des schieren Überfluss an Weltklassespielern in der Elftal eigentlich regelmäßig verwundert die Augen reiben. Die können doch nicht alle in der Ajax-Akademie gezüchtet worden sein!?

Wie dem auch sei – für das in wenigen Minuten beginnende Endspiel tippe ich auf das mittlerweile schon fast obligatorische 1:0 für Spanien. Die Iberer scheinen sich bei ihrem wirklich bärenstarken Auftritt im Halbfinale endgültig gefunden zu haben.

Sättigung verringern

2. Bundesliga – 09/10
SC Rot-Weiß Oberhausen – TSV 1860 München
0:1 (0:0)
06.12.09, Stadion Niederrhein (Oberhausen)
4.368 Zuschauer (ca. 300 Gäste)

Gemütlich? Zu Hause vielleicht, auf der Couch. Aber hier? Die ganze novembrige Trostlosigkeit dieser Welt widerspiegelnd und das an Nikolaus. Kein Stoff für Träumereien, kein Material für Mythen. Grau in Grau in Grau. Nass bis auf die Haut. Glamourös wie RTL II.

Doch genug zum Királyschen Beinkleid. Zurück in die Totale: RWO unterliegt gegen die Löwen in einem schwachen Zweitligaspiel mit 0:1. Es regnet in Strömen.

PS: Und ich frach mich noch, warum der Krug Hellmut so hektisch durch den Stadioneingang galoppiert.

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Spielberichte: HP RWO | kicker.de | HP 1860

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Weil’s einfach Pflicht ist

Der dritte Matchball brachte die Entscheidung. Mit einem 2:0-Sieg über Jahn Regensburg hat Union Berlin den Aufstieg in die 2. Bundesliga erreicht. Herzlichen Glückwunsch!

Ein großer Tag natürlich für alle Freunde der Eisernen, aber auch ein dankbares Ereignis für Fernsehmacher. Sind bei so einem Erfolg eines derart gut unterstützten Vereins doch schöne Bilder und O-Töne mit vielen Emotionen garantiert. Ein von tausenden Anhängern überfluteter Rasen, Schampuspullen im Entmüdungsbecken, ein weinender Präsident, halbnackte Spieler und lustige Interviews. Man kennt das ja. Aber, mal ganz unter uns, als bräsiger TV-Rezipient möchte man doch irgendwie auch gar nichts anderes vorgesetzt bekommen.

Sozusagen also eine Win-win-win-Situation, absolut ausgeschlossen da etwas zu verbocken. Die gestrige Ausgabe der Sportschau bewies dann allerdings, das es sehr wohl möglich ist, selbst diesen fernsehtechnischen Elfmeter ohne Torwart zu versemmeln. Versemmeln ist vielleicht der falsche Ausdruck. Denn verwandelt hat er ihn ja, der an der Seitenauslinie herumvagabundierende Reporter. In einen sensationellen Dialog mit Berlins Trainer Uwe Neuhaus (Gedächtnisprotokoll):

Reporter: Ham‘ Sie sich die zweite Liga schonmal ein bisschen angeschaut? So Spielstärke, Konkurrenz?

Neuhaus: Och, ich interessier mich eigentlich gar nicht für Fußball.

Leider ist dieser aus einer sensationell dummen Frage und einer sensationell schlagfertigen Antwort bestehende Gesprächsfetzen aber nicht einfach nur witzig. Er vermittelt vielmehr einen Eindruck davon, wie ein Journalist, erstmal im sicheren Schoß des öffentlich-rechtlichen Gebührenparadieses angekommen, seine eigenen Scheuklappen auf andere Berufsbilder projiziert. Schon GEZahlt?

De Zoch kütt!

2. Bundesliga – 08/09
FSV Frankfurt – VfL Osnabrück
1:0 (0:0)
22.02.09, C**-Arena (Frankfurt)
4.084 Zuschauer (ca. 400 Gäste)

Fastnachtssonntag. Welcher Teil dieser wunderschönen Republik bietet sich besser an, jeglichem närrischem Treiben aus dem Weg zu gehen, als das nicht gerade als karnevalistisches Epizentrum bekannte Hessen? Konfettibunt ist alle Theorie, empfangen mich doch bereits am Hbf die ersten Pappnasen.

Kaum von diesem Schock erholt, gibt es an der Haltestelle Sportfeld die nächste Aufregung: Ultras aus Osnabrück blockieren die Treppen und formieren sich zum Marsch gen WM-Stadion. Ein Vorbeikommen ist unmöglich, was nicht nicht nur mir, sondern auch vielen aus Niedersachsen angereisten „Normalos“ sichtlich auf die Nerven geht. In solchen Situation zeigt sich, dass sich mittlerweile große Teile der deutschen Ultra-Szene von der Geisteshaltung ihrer Mitstreiter in der Fankurve entfernt haben.

Als sich der Zug endlich in Bewegung setzt, fliegen statt Kamelle markige Loblieder auf vom bundesweiten Profifußball ausgeschlossene Kameraden durch die neblige Luft.

Echte Solidarität oder pure Selbstinzinierung? Macht pauschales Bagatellisieren von Stadionverboten wirklich Sinn? Oder schneiden sich die Fanszenen in letzter Instanz damit ins eigene Fleisch, indem sie so das Handeln stadtbekannter Radaubrüder legitimieren? Haftet solchen Aktionen nicht eine ähnliche Beliebigkeit an wie beispielsweise der berühmt-berüchtigten Datei „Gewalttäter Sport“?

Nein, „Fußballfans sind keine Verbrecher“. Aber viel zu oft angetrunkene, schlecht erzogene Rotzlöffel ohne Eier in der Hose. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass beim Betreten der S-Bahn im vermeintlichen Schutz einer anonymisierenden Masse eine zufällig am Bahnsteig stehende Familie mit Migrationshintergrund aufs Übelste beschimpft worden ist? Warum werden die diensthabenden Ordnungshüter, obwohl angenehm zurückhaltend agierend, als „Bullenschweine“ tituliert?

Natürlich gibt es ungerechtfertigte Stadionverbote, gegen die etwas unternommen werden muss. Ich wage aber die kühne These, dass die bloße Eventisierung von einem Kilometer Fußweg keinen merkbaren Erfolg haben wird. Der Dialog mit den Vereinen und fundierte Rechtsberatung erscheinen jedenfalls weitaus erfolgsversprechender.

Im Stadion herrscht Tristesse pur. Nicht verwunderlich, bei etwa 4.000 Zuschauern in einer die 13-fache Menge fassenden Arena. Wenigstens verspricht die Paarung nach den Vorfällen des turbulenten Hinspiels, als dem VfL sage und schreibe drei Elfmeter zugesprochen wurden, ein wenig Brisanz. FSV-Manager Reisig sprach ob der Publikumsreaktionen von „kriegsähnlichen Zuständen“, was bei Gästetrainer Pele Wollitz nicht wirklich gut ankam.

Dementsprechend verweigert dieser seinem Gegenüber Thomas Oral kurz vor Anpfiff den eigentlich obligatorischen Handschlag. Sozusagen der eisige Auftakt für ein ordentliches Zweitligaspiel, das Franfkurt die größeren Spielanteile, Osnabrück hingegen die klareren Torchancen beschert. Lila-Weißes Unvermögen, ein großartig haltender Patric Klandt (Kicker-Note: 1) und das Torgestänge konservieren ein torloses Unentschieden bis in die Nachspielzeit hinein.

Der Allerletzte von 13 Frankfurter Eckbällen sorgt dann für die Entscheidung. Youssef Mokhtari findet den Kopf des langen Verteidigers Emil Noll und Stefan Wessels ist geschlagen. Drei ganz wichtige Punkte gegen einen direkten Konkurrenten für die Bornheimer, die ihre erstaunliche Erfolgsserie damit auf 14 Punkte aus den letzten sechs Spielen ausbauen.

Aber natürlich lassen es die beiden temperamentvollen Übungsleiter damit nicht bewenden. Ihr verbales Duell auf der Pressekonferenz endet mit einem leistungsgerechten 1:1. Nein, Freunde werden die Herren Wollitz und Oral in naher Zukunft bestimmt nicht werden.

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Spielberichte: Kicker.de | Bundesliga.de | HP Frankfurt | HP Osnabrück

Pimp my Zweitliga-Titel

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Foto: Bundesliga.de

Wie bereits vor Beginn der Saison angekündigt, will die DFL den Bestplatzierten der 2. Bundesliga in Zukunft mit einer eigenen Trophäe belohnen. Das gute Stück wurde am Montag nun endlich der gebannten Öffentlichkeit vorgestellt, berichtet Bundesliga.de.

So sieht sie also aus, die Meisterschale zweiter Klasse. Geschaffen wurde das 8,5 kg schwere und 30.000 Euro teure Unikat vom einem bekannten Künstlerteam aus Los Angeles. Bei der Gestaltung haben sich die Designer ganz offensichtlich von einer Radkappe aus dem neuesten Tuning-Katalog inspirieren lassen. Auch wenn die DFL sich etwas anders ausdrückt:

Der Stern steht für die Strahlkraft der 2. Bundesliga und für den Glanz des Meisters. Die sieben Strahlen des Sterns stehen für die sieben herausragenden Tugenden, über die der Zweitliga-Meister verfügen muss.

Diese sieben Eigenschaften sind: Leidenschaft, Teamgeist, Siegeswille, Nervenstärke, Durchsetzungsvermögen, Technik und Taktik.

Es ist allerdings zu befürchten, dass selbst die Aussicht auf diese Auszeichnung den 1. FC Köln in seiner nächsten Zweitligasaison nicht davon abhalten wird, nach Feststehen des Aufstiegs alle sieben Todsünden Tugenden zu vergessen und die letzten Spiele wie gewohnt zu vergeigen.