Stranger than Fiction

Deutschland 2010: Eine Nation im WM-Fieber. Innenstädte scheinen vor lauter Großleinwänden kaum noch begehbar, auch in vielen Lichtspielhäusern kann dem gemeinsamen Fußballgenuss gefrönt werden. In einem solchen blickte Stadioncheck.de der hässlichen Fratze des Rudelguckens todesmutig ins Gesicht.

Irgendwo im Ruhrgebiet. Drei Frauen und ich auf dem Weg in ein Multiplex-Kino. Gruppenzwang. Im Auto-Radio läuft der unsägliche Formatsender Eins Live. Keine Schule, kein Handwerksbetrieb, wo nicht mindestens ein Radioreporter die „Stimmungslage“ abklopft. Gebührenfinanziert, versteht sich. Eine Horde Halbstarker singt sich in Brackwede warm, in Ennepetal juchzen Bürokauffrauen um die Wette. Endlich wird die totale Verbeachvolleyballisierung einer Sportart von schlechter Popmusik unterbrochen. Nie waren Destiny’s Child so wertvoll wie heute.

Knapp 30 Personen haben sich zu Spielbeginn in einem klimatisierten Saal mittlerer Größe eingefunden. Public Fewing statt Viewing. Auffällig: Das Bild auf der riesigen Leinwand ist viel unschärfer als erwartet. Thomas Müller wirkt so in der Großaufnahme ein wenig wie einer der Na’vi aus dem 3D-Blockbuster „Avatar“. Den 3D-Effekt muss Fan sich ohne Brille freilich dazudenken. Immerhin: Vuvuzelas sind verboten.

Anstoß. Während Krasic seinen Gegenspieler Badstuber zum ersten mal ganz alt aussehen lässt, tricksen hinter mir zwei clevere Mittzwanziger die Tröten-Prohibition aus. Mit einer Kuh-Glocke. „Stimmung machen“ nennen sie ihr Gebimmel. Stimmung, das Unwort des Jahrtausends. Zum Mitschreiben: Stimmung herrscht, Stimmung wird nicht gemacht.

Profis überall

Als der spanische Schiedsrichter Undiano innerhalb weniger Minuten vier gelbe Karten verteilt, enntbrannt unter den Glöcknern eine heftige Diskussion. Dürfen verwarnte Spieler ausgewechselt werden oder nicht? Nach kurzer Beratung kommt die Expertenkommission zum Ergebnis, dass eine solche Rochade erlaubt sein müsste. Allerdings „nur in der Halbzeitpause.“ Das ist natürlich absolut korrekt.

Der bereits vorbestrafte Miro Klose bettelt derweil um seine Herausstellung. Spätestens jetzt hätte Löw reagieren müssen. Wenige Minuten später ist es dafür zu spät: Der 32-Jährige sieht nach einem weiteren unnötigen Tackling die Ampelkarte. Sicher, das Foul war nicht böswillig. Doch man musste einfach damit rechnen, dass der Unparteiische seine Linie konsequent durchzieht

Wenige Sekunden später: Langer Steilpass, Holger Badstuber ist im Sprintduell gegen Krasic chancenlos. Und das, obwohl er mit zwei Metern Vorsprung gestartet war. Die Flanke des Flügelspielers erreicht Dikembe Mutombo, der keine Mühe hat, gegen Muggsy Bogues zum Dunking anzusetzen. Nein, ernsthaft: 32 cm beträgt der Größenunterschied zwischen Nikola Žigić und Phillip Lahm, dagegen war Letschkow vs. Häßler ein Duell auf Augenhöhe.

Der lange Angreifer vom FC Valencia kann so natürlich problemlos per Kopf auf den völlig freistehenden Milan Jovanović ablegen. Dieser hat sogar noch die Muße, den Ball mit der Brust anzunehmen, sich in aller Seelenruhe einen Sliwowitz einzuschenken und dann, frisch gestärkt, Jabulani in die Maschen zu dreschen. 1:0 für Serbien!

Wenn ich jemanden diesen Treffer gönne, dann der „Schlange“, Milan Jovanović. Ein Stürmer, der immer alles aus sich herausholt und an guten Tagen ganz alleine eine Abwehr terrorisieren kann. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen schnelleren Spieler live im Stadion erlebt habe. Über 50 Ligatore hat der 29-Jährige in seiner Zeit bei Standard erzielt, von daher nehme ich ihm seinen Wechsel nach Liverpool keinesfalls übel. Mach’s gut, „Lane“.

EHC Bremen

Wir müssen reden. Über Per Mertesacker. Seit Jahren beglückt Werder die Bundesliga mit Einshockeyergebnissen, satte 175 Gegentreffer hat der 25-Jährige im Laufe seiner vier Spielzeiten bei den Grün-Weißen erlebt. Erstaunlich, dass der stacksige, hüftsteife, langsame und gemessen an seiner Körpergröße auch nicht übermäßig kopfballstarke Mertesacker irgendwie trotzdem nie in der Kritik steht. Noch erstaunlicher, dass mit Wiese und Frings zwei weitere Defensivspieler aus der Bremer Schießbude vehement ihren Einsatz bei der WM forderten.

Beim Gegentreffer hat der gebürtige Hannoveraner das Kunstück vollbracht, gleich zwei kapitale Fehler innerhalb weniger Sekunden zu begehen. Zunächst schleicht Žigić, dem er zweifelsohne zugeteilt war, in seinem Rücken davon. Zu allem Überfluss springt er dann auch noch halbherzig in Richtung Spielgerät, welches er nie und nimmer erreichen wird, statt Jovanović im Fünf-Meter-Raum zu übernehmen. Mit einem direkten Kopfball auf die kurze Ecke wäre Manuel Neuer jedenfalls kaum zu überwinden gewesen.

Kurze Zeit später setzt Khedira das Leder den Kunststoff an den Querbalken. Saal 3 steht Kopf. Der Halbzeitpfiff sorgt zunächst einmal für Beruhigung. Endlich dürfen die verwarnten Spieler getauscht werden. Doch Joachim Löw vertraut der gleichen Zehn wie vor dem Wechsel. Deutschland spielt also weiter ohne nominelle Sturmspitze.

Dafür dreht Mesut Özil endlich auf. Traumpass in den Lauf von Podolski, der Kölner verzieht frei vor Torhüter Stojkovic. Nicht wenige Anwesende haben bereits zum Torjubel angesetzt. Özil lässt genial auf Podolski abtropfen, der nagelt den Ball aus spitzem Winkel ins Außennetz. Jetzt drehen alle ab. Im Public-Viewing-Paralleluniversum ist Deutschland gerade mit 2:1 in Führung gegangen. In der Realität steht es weiterhin 0:1.

Serbien ist eine Basketballnation. Vielleicht erklärt dieser Umstand, wieso Vidic, ähnlich wie Kuzmanović in der Auftaktpartie gegen Ghana, eine in seine Nähe segelnde Flanke mit der Hand fangen möchte. Erneut ein mehr als überflüssigen Handelfmeter. Doch selbst dieses Geschenk will Lu-Lu-Lu Lukas Podolski nicht annehmen. Stojkovic hält.

Vandalismus 2.0

Dennoch sorgt auch dieser Fehlschuss nicht für die Entscheidung, das übernimmt Löw höchstpersönlich. Klar, Özil hat in der ersten Hälfte nicht viel gezeigt, aber das kann doch in dieser Situation kein Maßstab mehr sein. Jede gefährliche Aktion im zweiten Abschnitt ging vom jungen Bremer aus, seine Auswechslung ist daher mehr als unverständlich. Auch die Hereinnahme von Marin für Müller erscheint wenig sinnvoll, wenn es den Elfmeter bereits gegeben hat. Play the odds, Jogi!

Serbien mogelt seinen knappen Vorsprung ins Ziel. Letztendlich etwas unglücklich für eine gut kämpfende deutsche Mannschaft. Im Netz tobt sich der Mob auf der Facebook-Seite von Señor Undiano aus. Im Kino hingegen bleibt es relativ ruhig. Es gibt zwar vereinzelte Unmutsäußerungen, aber das für einen zünftigen Sprechchor nötige Nationalgericht will niemandem einfallen. Paella wär’s gewesen, ihr Flaschen, oder meinetwegen auch Tapas. Das kommt davon, wenn man selbst auf Malle nur Schnitzel mit Pommes konsumiert. „Nie wieder Pizza“ kann schließlich jeder.

Ende einer Durststrecke

Standard de Liège v RSC Anderlecht 2:0

Als Spieler gefeierter Star, als Trainer belächelter Versager droht auch Michel Preud’homme dieses loddaeske Schicksal? Die lokale Sportpresse ließ zuletzt jedenfalls kein gutes Haar an Standard Lüttichs Übungsleiter. Vom verschenkten Double war die Rede, weil er unter der Woche im Pokal-Halbfinale in Gent etliche Stammkräfte schonte und mit 0:4 unterging. Die Verfolger aus Brügge und Brüssel-Anderlecht witterten Morgenluft im Titelkampf.

Jupiler League 2007/2008, 31. Spieltag
Lüttich / Belgien: Stade Maurice Dufrasne (»Sclessin«), 20. April 2008
27 500 Zuschauer (ca. 2 500 Gäste)

Nie habe er »das Herz Frankreichs so stark schlagen gehört wie hier«, schwärmte Frankreichs ehemaliger Präsident Georges Pompidou einst während eines Staatsbesuches. Seine Liebeserklärung an die Stadt an der Maas kommt nicht von ungefähr: Unzählige Bistros und Brasserien, eine beachtliche Museumslandschaft oder seine engen, chaotischen Gassen verleihen Lüttich, oder besser Liège, tatsächlich diesen gewissen Hauch von »Savoir-vivre«.

Doch dieser Eindruck schwindet schnell, wenn man das Zentrum verläst und sich dem Stadtteil »Sclessin« nähert. Hier, in Standards Heimat, hat der Niedergang der Stahlindustrie überdeutlich seine Spuren hinterlassen. So in etwa muss es früher im Ruhrgebiet ausgesehen haben – vor dem Strukturwandel. Das Erlöschen der Hochöfen hat Tausende Sclessiner gen Flandern getrieben, in Richtung Arbeit. Standards Festung mit ihren drei unfassbar steilen Rängen und seine Getreuen, die diesen Ort jedes zweite Wochenende mit Leben füllen, sind so etwas wie die letzten Farbkleckse im trostlosen Grau von Abbruchhäusern, Alltagssorgen und Industrieruinen.

Knapp 40 Minuten vor Anpfiff erbebt das Stade Maurice Dufrasne, das hier aber jeder »Sclessin« nennt, zum ersten Mal in seinen Grundfesten. Selbst an den Imbissständen auf dem Stadionvorplatz durchschneidet kindliche Begeisterung die bratölgeschwängerte Frühlingsluft. Die wenigen Ahnungslosen bekommen auf Nachfrage das Endergebnis der anderen Sonntagspartie entgegengebrüllt: Der FC Brügge ist in Gent nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen. Das bedeutet, dass nicht irgendwann, sondern hier und heute eine bis dato fantastische Saison ohne eine einzige Niederlage gekrönt werden kann. Mit einem Sieg gegen Anderlecht, gegen den Erzrivalen, gegen die verhassten »Violetten« aus der Millionen-Metropole, die sich in Belgien über die Jahre ein ähnliches Dusel-Image aufgebaut haben wie der FC Bayern hierzulande.

Keine Tore im ersten Abschnitt

Der Anstoß erfolgt mit deutlicher Verspätung, da simultan zum Einmarsch der Teams zahllose bengalische Fackeln den Weg in den Innenraum der Arena gefunden haben. Minutenlang hat der emsige Ordnungsdienst alle Hände voll zu tun, die einem glühenden Lavafeld gleichende Spielfläche zu säubern. Zudem wird Standards Kapitän, der erst 20-jährige Steven Defour, zwischen Tür und Angel als »Fußballer des Jahres« ausgezeichnet. Seine Trophäe erhält er von keinem geringeren als Zinédine Zidane. Für die passende Untermalung der grotesk anmutende Zeremonie sorgen sanfte Klänge aus der Feder von Deutschlands erfolgreichstem Musik-Export »Scooter«. Selbst langjährige Anhänger quittieren das Schauspiel mit achselzuckender Ratlosigkeit ─ Zizous Motivation und dessen Beziehung zu den Gastgebern werden wohl für immer ungeklärte Mysterien bleiben.

Als der Ball endlich rollt, scheint es, als haben sich die Protagonisten von der allgegenwärtigen Hektik anstecken lassen. Zwar ergeben sich auf beiden Seiten einige Torchancen, diese sind aber ausnahmslos ungeordneten Abwehrreihen und vogelwilden Torwartaktionen geschuldet. Von durchdachten Angriffen ist kaum etwas zu sehen, ein 0:0 zur Pause die logische Konsequenz.

»Préparez votre Kleenex!« ist auf einem Spruchband im Gästeblock zu lesen ─ »Haltet eure Taschentücher bereit!«. Besser lässt sich diese Mischung aus hauptstädtischer Arroganz und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Rekordmeisters kaum in einer Parole konzentrieren. Seit nunmehr 25 Jahren muss das Aushängeschild des wallonischen Fußballs derartige Schmähungen ertragen.

1983 gelang Standard letztmalig der große Wurf, danach machte ein exklusiver Kreis von sechs flämischen Clubs die Meisterschaft unter sich aus. Der Großteil des aktuellen Kaders war damals noch nicht einmal geboren. So besitzt die heutige Startelf ein Durchschnittsalter von 22,7 Jahren. Dieser im europäischen Spitzenfußfußball einzigartige Wert ist das Resultat konsequenter Nachwuchsförderung in einer hochmodernen Fußballakademie.

Happy Hardcore und glückliche Sieger

Nach dem Wechsel spiegelt sich dieser jugendliche Elan endlich auf dem Platz wieder. Preud’homme scheint in der Kabine die richtigen Worte gefunden haben, denn Angriff um Angriff rollt jetzt in Richtung Gästetor. Beinahe zwangsläufig gelingt Dieumerci Mbokani in der 54. Spielminute der Führungstreffer. Sein Flugkopfball, wuchtig und elegant zugleich, veranschaulicht eindrucksvoll die Qualitäten der jungen Mannschaft.

Auf den Rängen fallen die unmittelbar dadurch ausgelösten Ovationen zwar ausgelassen, aber doch relativ gewöhnlich aus. Erst nach einer kurzen Atempause, nach einem Moment des Begreifens, explodiert das Stadion förmlich. Als ob sich dieses Vierteljahrhundert der Demütigungen und Enttäuschungen kollektiv entladen würde, erzeugen 25 000 Fanatiker eine in unseren Breiten nicht für möglich gehaltene Gänsehaut-Atmosphäre.

Angetrieben von diesem einmalig enthemmten Publikum gelingt es der Heimelf, einen in solchen Spielsituationen oft begangenen Fehler zu vermeiden. So igelt sie sich eben nicht hinten ein, sondern stürmt unbekümmert weiter. Das stolze Anderlecht wird vorgeführt. Als wiederum Mbokani auf 2:0 erhöht, lösen sich auch die letzten Zweifel in Luft auf. Hektoliterweise quillt nun Herzblut von Sclessins Steilwänden, Lüttich besäuft sich an sich selbst.

Mit dem Schlusspfiff brechen alle Dämme. Nun wird deutlich, wie viel wahrer Genuss mit Verzicht zu tun hat. In Brügge und Brüssel werden Veränderungen am Vereins-Briefkopf unaufgeregter und routinierter zur Kenntnis genommen. Tausende klettern über Werbebanden und Zäune, der Rasen verwandelt sich immer mehr in ein wildes, vor Glück brodelndes Menschenmeer. Für zumindest etwas Struktur sorgen die 180 BPM des abermals eingespielten Teutonen-Technos.

Mitten in dieser improvisierten Meisterfeier diktiert der Welttorhüter von 1994 den Reportern in die Blöcke, dass der nun feststehende Titelgewinn »einem Wunder« gleiche. Demütig habe er den Herrgott direkt nach dem Aufstehen um die vorzeitige Entscheidung gebeten. Keine Frage, dem Mann, der schon als Profi »der Heilige« genannt wurde, haftet auch heute noch etwas Klerikales an. Und spätestens als sein Name unaufhörlich durch die Lütticher Fußballkathedrale hallt, muss selbst der kritischste Schreiberling eingestehen: alles richtig gemacht, Sankt Preud’homme!

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