Trainingslagerkollergeschichten

TrainingslagerSaufgelage. Einnahme fragwürdiger Substanzen. Komplett fingierte Testspiele, die halb Asien auf Liveticker-Ergebnisse starren und Systemwetten berechnen lassen. Wir haben uns an einer kleinen Chronik des Fußball-Trainingslagers versucht – komplett subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1954
Der legendäre Geist von Spiez beflügelt die deutsche Nationalmannschaft, als sie am wunderschönen Thuner See ihre Zelte aufschlägt. Das dortige Hotel Belvedere, naja, beherbergt die Mannen von Sepp Herberger gleich für mehrere Wochen – während des Trainingslagers und für die komplette Dauer des Turniers. Gerüchte, die Einnahme des, naja, Wundermittelchens Pervitin hätte beim Wunder von Bern ein wenig nachgeholfen, halten sich bis heute hartnäckig.

1982
28 Jahre später verwandeln Jupp Derwalls Schützlinge mit ihrer feucht-fröhlichen Präparation auf die anstehende Fußball-WM in Spanien den südbadischen Schluch- in einen Schlucksee. Ein in der Sache vermutlich passender, phonetisch allerdings eher fragwürdiger Spitzname. Toni Schumacher wird später in seinem Skandal-Buch Anpfiff intime Einblicke in die teils kräftezehrenden Freizeitaktivitäten (“Andere bumsten bis zum Morgengrauen […]”) seiner Teamkollegen geben.

1997
Die Fußballmanager-Simulation Anstoss 2 liefert mit Destinationen wie “Fitnesscamp Dr. Chem. Do Ping, China” oder “Pension Druidenzirkel, Stonehenge” eine humorvolle Pixel-Hommage an die von realen Fußball-Profis oft nicht unbedingt als vergnügungssteuerpflichtig empfundenen Aufenthalte.

1999
Reha-Maßnahmen sind quasi die kleinen Schwestern von Trainingslagern. Oft deutlich länger in der Dauer und nicht weniger eintönig, können nervenschwachen Zeitgenossen dort durchaus mal die Pferde durchgehen. Im Herbst ‘99 sollen Torhüter Sven Scheuer und Mittelfeld-Ass Mario Basler vom FC Bayern eigentlich im Reha-Zentrum von Klaus Eder ihre Verletzungen auskurieren. Was sie wohl auch tun, nicht ohne sich in einer Regensburger Pizzeria in Handgreiflichkeiten verwickeln zu lassen. Die Münchener Vereinsführung reagiert dünnhäutig, beendet die Zusammenarbeit mit Eder und beurlaubt die beiden Spieler. Basler wechselt noch im selben Monat zum 1. FC Kaiserslautern.

2015
Am 3. Februar 2015 ist im Rahmen der Saisonvorbereitung ein Testspiel zwischen den weißrussischen Erstligisten FK Schachzjor Salihorsk und FK Sluzk angesetzt. Sluzk dreht die Partie nach Rückstand noch durch zwei späte Treffer und siegt mit 2:1. Es gibt die übliche Berichterstattung mittels Liveticker und Spielberichten auf den Vereinswebseiten. Und wie selbstverständlich nehmen auch einige Anbieter Wetteinsätze an. Einziger Haken an der Sache: das Spiel hat höchstwahrscheinlich nie stattgefunden.

2016
Der Paderborner Stürmer Nick Proschwitz entblößt während eines Winter-Trainingslagers in der Hotelbar sowohl Hinter- als auch Geschlechtsteil. Bezeugen kann oder muss die wenig ruhmreiche Aktion in der Fünf-Sterne-Anlage im türkischen Belek unter anderem eine Angestellte der mit der Organisation beauftragen Reiseagentur. Proschwitz wird daraufhin vom Verein suspendiert.

2018
Vier Spieler des damaligen Premier-League-Schlusslichts West Bromwich Albion sorgen im Trainingslager in Spanien für einen mittelschweren Eklat: die Fahrt zum Hotel mit dem vor einem Fastfood-Restaurant geparkten Taxi findet ohne Erlaubnis und physische Präsenz des Fahrer statt. Der Verein entschließt sich allerdings, die Profis nicht zu sanktionieren und auch vor Gericht muss sich das Quartett letztlich nicht verantworten. Der einige Monate später besiegelte Abstieg als Tabellenletzter ist vielleicht auch wirklich Strafe genug.

Video: Fußball-Stadien direkt nebeneinander

Wo gibt es zwei nennenswert große Stadien in direkter Nachbarschaft?

Ihr schwarmgedächtnist, ich fülle die Liste auf. Zur Einschränkung: ein einfacher Sportplatz tut es nicht, es sollten schon beides richtige Stadien sein. Was ein Stadion definiert, das wiederum entscheidet jeder selbst. 10.000 Zuschauer Fassungsvermögen müssen es nicht sein, sind aber eine Art Anhaltspunkt.

Quasi als kleine Hommage haben wir mit einigen Jahren Verzug diese Frage des Trainers nun in Bewegtbildern beantwortet. Genauer gesagt haben wir uns auf die Suche nach den zehn Orten gemacht, wo fußballbegeisterte Menschen die am dichtesten beieinander liegenden Stadien der Welt finden können. Kurioserweise haben wir die Top 3 tatsächlich schon vor Ort bestaunt.

Was geschah mit {coole Fußball-Webseite, mit Kolumnen und Zitaten}?

…fragte einst der Trainer. Dem Mann kann geholfen werden: Unter der URL verbirgt sich heute ein 0815-News-Portal. So weit so bedauerlich wie erwartbar.

Ein bisschen lebt der Geist der Blutgrätsche momentan aber an einem Baugerüst vor der legendären Sportschule Hennef weiter:

Antisemitismus in Heidenheim?

Wenn auf

das hier

folgt, wird man unweigerlich an eine Debatte von vor anderthalb Jahren erinnert. Damals musste sich 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster als Reaktion auf eine eher mäßige (persönliche Meinung) Polemik gegen RBS Leipzig den Vorwurf des „strukturellen Antisemitismus“ gefallen lassen.

Schauen wir uns das Corpus Delicti doch einfach einmal etwas genauer an. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus den Reihen spätpubertierender Provinzultras ein derart begnadeter Künstler rekrutiert?

Eher klein, denke ich, sagt mir mein mittelgesunder Menschenverstand und nach Stunden aufwändiger Recherche einer Google-Bildersuche ist der Urheber des mateschitzschen Konterfeis auch gefunden: Das Ding stammt höchstwahrscheinlich aus der Feder des österreichischen Karikaturisten Petar Pismestrović.

Bitte entscheiden Sie selbst:

Links: Fragment eines beim Spiel Heidenheim – RBS Leipzig verteilten Geldscheins // Rechts: Dietrich Mateschitz, gezeichnet von Petar Pismestrović

Karikaturen übertreiben, überspitzen bestimmte physiognomische Merkmale der zu porträtierenden Person und hier unterscheidet sich Pismestrović‘ Herangehensweise auch nicht wesentlich von der anderer bekannter Berufskollegen. Betrachtet man auf seiner Webseite eine Galerie von Arbeitsproben, wird eigentlich schnell klar, dass diese Darstellung Matteschitz‘ einfach seinem Stil entspricht.

Die „Hakennase“ wirkt an Mahmud Ahmadinedschad (leider nicht direkt verlinkbar; bitte in der Flash-Galerie selbst erscrollen) als Indiz oder gar Beweis für Antisemitismus jedenfalls extrem schwach auf der Brust.

tl;dr

Man kann den Heidenheimer Fans hier durchaus Unreife, mangelnde Sensibilität, Doppelmoral oder eine Urheberrechtsverletzung vorwerfen. Aber Antisemitismus? Sollte wenn, dann wohl eher in Richtung des Zeichners gehen. Oder man atmet erst mal durch und fragt sich, ob Missverständnisse und Fehler nicht oft auch unbeabsichtigt passieren.*

*deplatzierte Unsachlichkeit entfernt (d.Red.)

Ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Egal ob High-Tech-Produkt von Adidas, Derbystar, [put your favourite brand here] oder das Werbegeschenk an der Tankstelle – die pakistanische Metropole Sialkot zeichnet für etwa 60 bis 75 Prozent der weltweiten Produktion von Fußbällen verantwortlich. Warum?

Na klar, von Arbeitsbedingungen über Lohnstückkosten bis Synergieeffekte könnte man hier sicher das komplette Einmaleins des globalisierten Neoliberalismus runterbeten. Und wüsste hinterher immer noch nicht, warum genau jährlich 40 Millionen Fußbälle in der 500.000-Einwohner-Stadt und nicht etwa in einem anderem Niedriglohnland oder einer anderen Region Pakistans gefertigt werden. Für das Wetten mit Angebotscodes bleibt dort sicher keine Zeit.

Nun, wenn man der österreichischen Dokumentation mit dem furchtbaren Titel „Der Ball ist rund“ glaubt, ist der Grund romantischer, als ich vermutet hätte: