Schundblatt-Catenaccio

Ich habe in den letzten Tagen bei twitter tatsächlich jeder Versuchung widerstanden (soviel Eigenlob muss sein), auf Links zu Blöd.de zu klicken und habe auch nicht vor, von dieser Erfolgstaktik abzuweichen. Die Nationalmannschaft ist auch echt nicht meine Baustelle (was nicht heißt, dass deren Abschneiden mich nicht interessieren würde) – dennoch habe ich natürlich mit einem Auge mitbekommen, was da so abgegangen ist.

Und das einigermaßen verwundert. Ich möchte so eine Hysterie mal erleben, wenn irgendwelche Privatfotos von Unfalltoten unverfremdet und ohne Einwilligung veröffentlicht werden oder ein eines Sexualdelikts Verdächtigter mit Klarnamen auf der Titelseite als „Sex-Monster“ bezeichnet wird.

Denn mal ehrlich: Fußball, ganz besonderes die Beurteilung und die daraus resultierende Wahrnehmung von Nationalspielern, ist gegen solche Vorfälle ein unrelevanter Fliegenschiss.

Sicherlich betreibt die Blöd Schwarz-Weiß-Malerei, hat sie denn jemals etwas anderes getan? Sind gnadenlose Zuspitzung und Emotionalisierung nicht gerade das Wesen des Boulevards?

Der nicht ganz so feine Umgang mit Jogi Löw rief dann natürlich den Stadionsprecher von Werder Bremen auf den Plan. Und leider hat hier die Neugier gesiegt. Ich habe den bei Facebook veröffentlichten, so genannten „offenen Brief“ (ohne erkenntlichen Empfänger) tatsächlich gelesen. Gegen (überzogene) Kritik an Löw argumentiert er mit Siegen gegen Österreich, Kasachstan und Aserbaidschan? Brillant! Grautöne kennt man offenbar auch in Bremen nicht.

In seiner grenzenlosen Unselbstgerechtigkeit wird der gute Mann gegen Ende dann außerdem etwas dramatisch:

Ich finde Facebook in diesen Tagen ganz, ganz eklig.

Das ist ungefähr so, als würde man sich im RTL-Videotextchat über die Umgangsformen im RTL-Videotextchat mokieren.

Zurück zum Thema. Nein, die Blöd ist kein trashig-lustiges Schmuddelblättchen für die Mittagspause. Vielleicht hat es jetzt auch der letzte kapiert. Sie folgt – zumindest meiner Meinung nach – auch nicht unbedingt einer Ideologie. Sie ist aber, vielleicht noch viel gefährlicher, bis hin zur Skrupellosigkeit opportunistisch.

Zuletzt hatte zwar selbst Deutschlands Springer-Kritiker Nr. 1 die schlimmsten Zeiten mit systematischer Hetze gegen Migranten, Asylbewerber und generell alles Fremde überwunden gesehen, aber auch Günter Wallraff kann sich ja mal irren. Von daher muss man der Blöd fast dankbar sein, dass sie mal wieder ihr wahres Gesicht (Stichwort: „Hymne mitsingen“) gezeigt hat.

Tut mir also einen Gefallen: Verschont mich mit Links auf Blöd-Artikel, selbst wenn sie mit kritischem Unterton präsentiert werden. Gleiches gilt für offene Briefchen von Zeigler. Danke.

DFB stellt Verfahren gegen „Mitarbeiter“ von 1899 Hoffenheim völlig zurecht ein

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat mit Zustimmung des DFB-Sportgerichts das Ermittlungsverfahren eingestellt, das gegen einen Angestellten des Vereins 1899 Hoffenheim nach dem Bundesliga-Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 13. August 2011 eingeleitet worden war.

Eine logische, eine richtige Entscheidung. Schließlich legt doch Punkt 14 der Stadionordung der Hoffenheimer Rhein-Neckar-Arena eindeutig fest:

Verbote

[…]

– mechanische und elektrisch betriebene Lärminstrumente – der Betreiber behält sich Ausnahmen vor

Tja, so einfach ist man aus dem Schneider.

Verboten sind gemäß Punkt 14 übrigens auch…

– sperrige Gegenstände wie Leitern, Hocker, Stühle, Kisten, Reisekoffer;

[Ausnahme (Anm. d. Red.): selbstgebaute Hochfrequenztöner auf Bollwerwagenbasis.]

…oder:

– Tiere

[Ausnahme: Currywürste.]

Damit ist ja alles tacko.

 

Halt, einen Moment – es gibt ja noch die Durchführungsbestimmungen des DFB, die unter anderem „Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen“ enthalten. Sollten in diesem für jedermann im Internet abrufbaren Regelwerk nicht vielleicht doch Grundsätze finden lassen, die durch die mehrfache und angeblich nicht mit dem Stadionbetreiber abgesprochene Inbetriebnahme eines selbstgebauten, strombetriebenen Hochfrequenztöners durch einen autark handelnden Vereinsmitarbeiter verletzt werden?

Bitte bilden Sie sich selbst eine Meinung. Folgende Textauszüge stammen einheitlich aus erwähntem Abschnitt 3. „Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesligaspielen“ der DFB-Durchführungsbestimmungen:

Seite 97, § 13 Beschallungseinrichtungen

Absatz 3. Im Stadion eingesetzte mobile Beschallungsanlagen müssen sowohl vom Stadionsprecher als auch über die Vorrangschaltung der Polizei abgeschaltet werden können

[…]

Seite 98, § 17 Grundsatz

Der Verein ist verpflichtet, alle organisatorischen und betrieblichen Maßnahmen zu treffen, die geeignet und erforderlich sind, Gefahren für die Platzanlage, die Zuschauer und den Spielbetrieb vorzubeugen sowie diese bei Entstehen abzuwehren.

[…]

Seite 104f, § 26 Ordnungsdienst

Absatz 10, wesentliche Aufgaben des Ordnungsdienstes

– Zugangs- und Anfahrtskontrollen an der äußeren und inneren Umfriedung des Stadions sowie an nicht allgemein zugänglichen Bereichen

[…]

– Wegnahme, Lagern und gegebenenfalls Wiederaushändigen von Gegenständen, die nach rechtlichen Vorschriften oder nach der Stadionordnung nicht mitgeführt werden dürfen

[…]

– Meldung sicherheitsrelevanter Sachverhalte an die Polizei, an die Rettungsdienste, an die Feuerwehr und an andere betroffene Institutionen […]

Die Fundstücke sind das Ergebnis einer semi-intensiven, zehnminütigen Suche in eben jenem PDF. Sicherlich lassen sich weitere Unklarheiten und mögliche Verstöße finden. Uns persönlich reicht das aber schon aus, um eine Nachfrage per elektronischem Brief an den Deutschen Fußball-Bund zu richten. Wer das ähnlich sieht, sollte es uns gleichtun, das Faxgerät oder den Rechner anschmeißen und den DFB „mit Protestnoten überschwemmen„.

Stranger than Fiction

Deutschland 2010: Eine Nation im WM-Fieber. Innenstädte scheinen vor lauter Großleinwänden kaum noch begehbar, auch in vielen Lichtspielhäusern kann dem gemeinsamen Fußballgenuss gefrönt werden. In einem solchen blickte Stadioncheck.de der hässlichen Fratze des Rudelguckens todesmutig ins Gesicht.

Irgendwo im Ruhrgebiet. Drei Frauen und ich auf dem Weg in ein Multiplex-Kino. Gruppenzwang. Im Auto-Radio läuft der unsägliche Formatsender Eins Live. Keine Schule, kein Handwerksbetrieb, wo nicht mindestens ein Radioreporter die „Stimmungslage“ abklopft. Gebührenfinanziert, versteht sich. Eine Horde Halbstarker singt sich in Brackwede warm, in Ennepetal juchzen Bürokauffrauen um die Wette. Endlich wird die totale Verbeachvolleyballisierung einer Sportart von schlechter Popmusik unterbrochen. Nie waren Destiny’s Child so wertvoll wie heute.

Knapp 30 Personen haben sich zu Spielbeginn in einem klimatisierten Saal mittlerer Größe eingefunden. Public Fewing statt Viewing. Auffällig: Das Bild auf der riesigen Leinwand ist viel unschärfer als erwartet. Thomas Müller wirkt so in der Großaufnahme ein wenig wie einer der Na’vi aus dem 3D-Blockbuster „Avatar“. Den 3D-Effekt muss Fan sich ohne Brille freilich dazudenken. Immerhin: Vuvuzelas sind verboten.

Anstoß. Während Krasic seinen Gegenspieler Badstuber zum ersten mal ganz alt aussehen lässt, tricksen hinter mir zwei clevere Mittzwanziger die Tröten-Prohibition aus. Mit einer Kuh-Glocke. „Stimmung machen“ nennen sie ihr Gebimmel. Stimmung, das Unwort des Jahrtausends. Zum Mitschreiben: Stimmung herrscht, Stimmung wird nicht gemacht.

Profis überall

Als der spanische Schiedsrichter Undiano innerhalb weniger Minuten vier gelbe Karten verteilt, enntbrannt unter den Glöcknern eine heftige Diskussion. Dürfen verwarnte Spieler ausgewechselt werden oder nicht? Nach kurzer Beratung kommt die Expertenkommission zum Ergebnis, dass eine solche Rochade erlaubt sein müsste. Allerdings „nur in der Halbzeitpause.“ Das ist natürlich absolut korrekt.

Der bereits vorbestrafte Miro Klose bettelt derweil um seine Herausstellung. Spätestens jetzt hätte Löw reagieren müssen. Wenige Minuten später ist es dafür zu spät: Der 32-Jährige sieht nach einem weiteren unnötigen Tackling die Ampelkarte. Sicher, das Foul war nicht böswillig. Doch man musste einfach damit rechnen, dass der Unparteiische seine Linie konsequent durchzieht

Wenige Sekunden später: Langer Steilpass, Holger Badstuber ist im Sprintduell gegen Krasic chancenlos. Und das, obwohl er mit zwei Metern Vorsprung gestartet war. Die Flanke des Flügelspielers erreicht Dikembe Mutombo, der keine Mühe hat, gegen Muggsy Bogues zum Dunking anzusetzen. Nein, ernsthaft: 32 cm beträgt der Größenunterschied zwischen Nikola Žigić und Phillip Lahm, dagegen war Letschkow vs. Häßler ein Duell auf Augenhöhe.

Der lange Angreifer vom FC Valencia kann so natürlich problemlos per Kopf auf den völlig freistehenden Milan Jovanović ablegen. Dieser hat sogar noch die Muße, den Ball mit der Brust anzunehmen, sich in aller Seelenruhe einen Sliwowitz einzuschenken und dann, frisch gestärkt, Jabulani in die Maschen zu dreschen. 1:0 für Serbien!

Wenn ich jemanden diesen Treffer gönne, dann der „Schlange“, Milan Jovanović. Ein Stürmer, der immer alles aus sich herausholt und an guten Tagen ganz alleine eine Abwehr terrorisieren kann. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen schnelleren Spieler live im Stadion erlebt habe. Über 50 Ligatore hat der 29-Jährige in seiner Zeit bei Standard erzielt, von daher nehme ich ihm seinen Wechsel nach Liverpool keinesfalls übel. Mach’s gut, „Lane“.

EHC Bremen

Wir müssen reden. Über Per Mertesacker. Seit Jahren beglückt Werder die Bundesliga mit Einshockeyergebnissen, satte 175 Gegentreffer hat der 25-Jährige im Laufe seiner vier Spielzeiten bei den Grün-Weißen erlebt. Erstaunlich, dass der stacksige, hüftsteife, langsame und gemessen an seiner Körpergröße auch nicht übermäßig kopfballstarke Mertesacker irgendwie trotzdem nie in der Kritik steht. Noch erstaunlicher, dass mit Wiese und Frings zwei weitere Defensivspieler aus der Bremer Schießbude vehement ihren Einsatz bei der WM forderten.

Beim Gegentreffer hat der gebürtige Hannoveraner das Kunstück vollbracht, gleich zwei kapitale Fehler innerhalb weniger Sekunden zu begehen. Zunächst schleicht Žigić, dem er zweifelsohne zugeteilt war, in seinem Rücken davon. Zu allem Überfluss springt er dann auch noch halbherzig in Richtung Spielgerät, welches er nie und nimmer erreichen wird, statt Jovanović im Fünf-Meter-Raum zu übernehmen. Mit einem direkten Kopfball auf die kurze Ecke wäre Manuel Neuer jedenfalls kaum zu überwinden gewesen.

Kurze Zeit später setzt Khedira das Leder den Kunststoff an den Querbalken. Saal 3 steht Kopf. Der Halbzeitpfiff sorgt zunächst einmal für Beruhigung. Endlich dürfen die verwarnten Spieler getauscht werden. Doch Joachim Löw vertraut der gleichen Zehn wie vor dem Wechsel. Deutschland spielt also weiter ohne nominelle Sturmspitze.

Dafür dreht Mesut Özil endlich auf. Traumpass in den Lauf von Podolski, der Kölner verzieht frei vor Torhüter Stojkovic. Nicht wenige Anwesende haben bereits zum Torjubel angesetzt. Özil lässt genial auf Podolski abtropfen, der nagelt den Ball aus spitzem Winkel ins Außennetz. Jetzt drehen alle ab. Im Public-Viewing-Paralleluniversum ist Deutschland gerade mit 2:1 in Führung gegangen. In der Realität steht es weiterhin 0:1.

Serbien ist eine Basketballnation. Vielleicht erklärt dieser Umstand, wieso Vidic, ähnlich wie Kuzmanović in der Auftaktpartie gegen Ghana, eine in seine Nähe segelnde Flanke mit der Hand fangen möchte. Erneut ein mehr als überflüssigen Handelfmeter. Doch selbst dieses Geschenk will Lu-Lu-Lu Lukas Podolski nicht annehmen. Stojkovic hält.

Vandalismus 2.0

Dennoch sorgt auch dieser Fehlschuss nicht für die Entscheidung, das übernimmt Löw höchstpersönlich. Klar, Özil hat in der ersten Hälfte nicht viel gezeigt, aber das kann doch in dieser Situation kein Maßstab mehr sein. Jede gefährliche Aktion im zweiten Abschnitt ging vom jungen Bremer aus, seine Auswechslung ist daher mehr als unverständlich. Auch die Hereinnahme von Marin für Müller erscheint wenig sinnvoll, wenn es den Elfmeter bereits gegeben hat. Play the odds, Jogi!

Serbien mogelt seinen knappen Vorsprung ins Ziel. Letztendlich etwas unglücklich für eine gut kämpfende deutsche Mannschaft. Im Netz tobt sich der Mob auf der Facebook-Seite von Señor Undiano aus. Im Kino hingegen bleibt es relativ ruhig. Es gibt zwar vereinzelte Unmutsäußerungen, aber das für einen zünftigen Sprechchor nötige Nationalgericht will niemandem einfallen. Paella wär’s gewesen, ihr Flaschen, oder meinetwegen auch Tapas. Das kommt davon, wenn man selbst auf Malle nur Schnitzel mit Pommes konsumiert. „Nie wieder Pizza“ kann schließlich jeder.

Goldi Poldi Halleluja

schwarz-rot-geile SchminkeDas hier geht an alle Rudelgucker, Fratzenschminker, Sommermärchler, Trottelchauvis, Schland-Sager, schwarz-rot-geile Konsumenten, die nicht einmal die Abseitsregel erklären können. Ha!

Ihr ganzen Fähnchenklemmer, Poldi-Schweinis, Partyoten: Ihr verkleidet euch als Fußballfans. Ihr seid es nicht.

54, 74, 90, 2014

„Potential“ ist ein Begriff, den Bundestrainer Joachim Löw häufig benutzt, wenn er nach den den Stärken seiner Mannschaft gefragt wird. Dabei würde ihm wohl niemand widersprechen wollen. Und doch ist Potential vor allem etwas nicht Greifbares, in erster Linie ein Versprechen in die Zukunft.

Einer der wenigen im Kader, die bereits heute ihr volles Potential ausgeschöpft haben, ist Phillip Lahm. Genau genommen ist der Münchner nach aktuellem Stand der einzige Feldspieler im Team, dem getrost das Attribut „Internationale Klasse“ angeheftet werden kann. Neben sportlichem Können sticht beim 26-Jährigen die Routine aus 65 Länderspieleinsätzen hervor.

Erfahrung ist ein Gut, über das ein Großteil der Auswahl nur in homöopathischen Dosen verfügt. Dass Deutschland bei dieser WM nicht zu den Topfavoriten zählt, dürfte in erster Linie diesem Umstand geschuldet sein. Zudem fehlt nach Ballacks Ausfall der Anführer, einer, der dem sicherlich talentierte Ensemble in kritischen Situationen Halt verleiht.

Doch was ist tatsächlich möglich in Südafrika? Die Vorrunde wird die DFB-Auswahl überstehen. Ghana und vor allem die überalterten Australier sollten keine Stolpersteine darstellen. In der KO-Runde ist dann zwar alles möglich – das Erreichen des Viertelfinales müsste aber bereits als Erfolg gewertet werden.

Zu Gast bei Freunden

Heute Abend um 20:30 Uhr treffen Ingolstadt und Rostock im Hinspiel der Zweitligarelegation aufeinander. Gut, dass dieser Nord-Süd-Gipfel live (ab 20:15 Uhr im NDR Fernsehen) übertragen wird. Denn sämtlichen Hansa-Fans ist nach den Ausschreitungen am vergangenen Wochenende in Düsseldorf die Auswärtsfahrt nach Bayern untersagt.

Dabei hat der deutsche Fußball in den vergangenen Wochen bereits eine bemerkenswerte Häufung von Fällen verwaister Gästeblöcke erlebt.  Auch Kölner, Dresdener und Nürnberger wurden an die Begleitung ihrer Tams gehindert. Natürlich unterscheiden sich die Gründe dafür teilweise recht deutlich, dennoch oder gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob es neuerdings tatsächlich mehr Krawall in den Stadien gibt oder ob es sich bei dieser modernen Form der Sippenhaft nicht vielleicht doch eher um eine moderne Form von Aktionismus handelt.

Die Klärung dieser Problematik hätte sicher einen eigenen Artikel verdient. Kommt vielleicht noch, aber momentan bin ich von diesem ganzen Themenkomplex doch ziemlich genervt. Daher möchte ich mich in diesem Text auf einen unkommentierten Blick auf die Bedingungen für Auswärtsfahrern in anderen Fußballnationen werfen:

Italien
Nichts genaues weiß man nicht. Generell differiert die Handhabung mit personalisierten Tickets recht stark. Während bei einigen Vereinen am Spieltag gar kein Kartenverkauf mehr stattfindet, sind die Kassenhäuschen andernorts bis drei Stunden vor Spielbeginn geöffnet.  Auch der Abgleich der auf die Eintrittskarte gedruckten Daten mit den Ausweispapieren erfolgt überall mit unterschiedlicher Genauigkeit. Es gibt zwar kein generelles Verbot, gleichwol finden einzelne Spiele ohne Gäste statt. Abhängig von dem zu erwartenden Zuschaueraufkommen, Rivalität oder negativen Vorfällen in der Vergangenheit.

Schweiz
Ich empfehle einfach mal die Lektüre des Artikels „Alle Fahnen verbieten – Repressionen gegen Fans, die hier noch diskutiert werden, sind in der Schweiz längst Realität“ in 11Freunde #102 (Mai 2010). Wie man vor den eigenen Anhängern kapituliert, demonstriert eindrucksvoll der FC Zürich, der gar keine Karten für Auswärtsspiele mehr verkaufen will.

Argentinien
In der eingleisigen 2. Liga (Nacional B) und in der 3. bis 5. Spielklasse des Großraums Buenos Aires (Primera B, C und D Metropolitana) fnden ausnahmslos alle Spiele ohne Gästefans statt. In der Primera División wäre eine solche Regelung angesichts der einflussreichen Barras Bravas kaum durchsetzbar.

Griechenland
Udo Latteck hätte an Hellas seine helle Freude: Neid und Missgunst sorgen hier unter dem Deckmantel der Gewaltprävention für hundertprozentige Heimspiele. Das gilt zumindest bei direkten Duellen der großen Fünf aus dem Großraum Athen (AEK, PAO,  Olympiakos) und aus Thessaloniki (Aris, PAOK). Kurioserweise sind hier nicht Verband oder Politik, sondern die Vereine selbst verantwortlich. Verweigert also beispielsweise AEK für das Derby gegen Olympiakos die Zuteilung eines Auswärtskontingents, findet das Rückspiel wenig überraschend auch ohne Gäste statt. Diese Praxis beschränkt sich übrigens nicht nur auf den Fußball-Sport. Auch bei Risikospielen in anderen populären Sportarten sind in aller Regel keine Auswärtsfans zugelassen.

Mazedonien

Ein allgemeines Gästeverbot, das im im August 2009 erlassen wurde, ist zu Beginn der Rückrunde wieder aufgehoben worden.

Niederlande

In den Niederlanden werden Gästefans in Zukunft von Risikospielen ausgeschlossen. […] Als Vorbild sollen die Sicherheitsvorkehrungen beim brisanten Duell Feyenoord Rotterdam gegen Ajax Amsterdam dienen. Die beiden Spitzenvereine verkaufen für diese Spiele seit 2009 keine Karten an die jeweiligen Auswärtsfans.

Bislang wurde bei als riskant eingestuften Begegnungen der Erwerb von Auswärtstickets an die Teilnahme an einer organisierten Busfahrt geknüpft, um die Schlachtenbummler jeweils direkt vor den Gästesektor karren zu können. Umlandfans u. ä. bleiben bei diesem Konzept natürlich auf der Strecke.

Frankreich
Paris Saint Germain beschloss im März, seinen eigenen Fans keine Eintrittskarten für die verbleibenden Auswärtspartien der laufenden Saison zu verkaufen. Diese Entscheidung ist eine Folge gewalttätiger Auseinandersetzungen beim Spiel gegen Olympique Marseille, durch die ein Anhänger ums Leben kam.

Belgien
Bei Risikospielen gilt eine Kombi-Regelung analog zu den Niederlanden.

Wie Spielplanhexer aus Fehlern lernen

Kalender: Wird schon schiefgehen

Samstag, 16.05.2009:
3. Liga, 37. Spieltag
13:30 Uhr: Werder Bremen II – Stuttgarter Kickers
1. Bundesliga, 33. Spieltag
15:30 Uhr: Werder Bremen – Karlsruher SC

Stuttgarter und Karlsruher, Württemberger und Nord-Badner, die mögen sich einfach nicht besonders. Sollte sich eigentlich auch bis nach Frankfurt herumgesprochen haben. Nun waren damals aufgrund des bereits feststehenden Abstieges nicht allzu viele Kickers-Fans in den Norden mitgereist, so dass es wohl  zu keinen größeren Scharmützeln kam, als einige KSC-Anhänger vor Anpfiff der Erstligapartie „am Gästeblock vorbeigeschaut haben“. Glück gehabt.

Doch dieses sicherheitstechnische blaue Auge hat den Kommandozentralen von DFB und DFL keinen Erkenntnisgewinn beschert. Anders sind diese Ansetzungen jedenfalls nicht zu erklären:

Samstag, 08.05.2010:
3. Liga, 38. Spieltag
13:30 Uhr: Werder Bremen II – Erzgebirge Aue
1. Bundesliga, 34. Spieltag
15:30 Uhr: Werder Bremen – Hamburger SV

Selbst wenn es für den HSV am letzten Spieltag um nichts mehr gehen sollte, werden natürlich trotzdem Tausende Hamburger den Weg zum Nordderby antreten. Aue ist momentan Tabellenführer der 3. Liga, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Veilchen just in der Hansestadt den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern werden.

Nun herrscht keine bekannte Rivalität zwischen Aue und Bremen respektive Hamburg, dennoch dürfte die Polizei wenig erpicht darauf sein, gleich drei große Fangruppen trennen zu müssen. Da sich die Spielstätte der Werder-Reserve aber dummerweise direkt auf dem Gelände des Weserstadions befindet, wurde die Drittligapartie vorsorglich in den Stadtteil Oberneuland verlegt.

Dort trägt gewöhnlich der FC Oberneuland seine Heimspiele in der Regionalliga Nord aus. Der „Sportpark am Vinnenweg“, der mit 5.050 Plätzen so gerade eben die Vorraussetzungen für die 4. Liga erfüllt, ist aber eigentlich deutlich zu klein für die höchste DFB-Spielklasse:

Zuschauerkapazität des Stadions von mehr als 10.000 Plätzen, davon mindestens 2.000 Sitzplätze.

Aber der DFB wäre aber nicht der DFB, wenn er für die zweiten Mannschaften nicht noch eine Sonderregelung aus dem Hut gezaubert hätte:

Für 2. Mannschaften der Lizenzligen: Zuschauerkapazität des Stadions von über 5.000 Besucherplätzen;

Und die 5.000er-Marke wird von der schnuckeligen Stadtteil-Arena ja um genau 50 Plätze übertroffen. Alles klar also? Nicht ganz:

Benennung Ausweichstadion für Spiele mit erhöhtem Zuschaueraufkommen bzw. Risikospiele.

Und wenn eine lila-weiße Karawane aus dem Erzgebirge kein „erhöhtes Zuschaueraufkommen“ darstellt, was dann? Pech, dass das für diese Fälle als Ausweichstadion benannte Weserstadion bereits anderweitig belegt ist.

Während also immer wieder Vereine vom Aufstieg in den überregionalen Fußball ausgeschlossen oder zumindest unnötig schikaniert werden, weil die Umrüstung ihrer Stadion mit unangemessenen finanziellen Risiken einherginge, setzt sich der DFB hier nonchalant über die selbst gesetzten Anforderungen für drittligataugliche Spielstätten hinweg.

Basisnähe geht anders. Vernünftige Spieltagsplanung erst recht.

III. Wahl

Gut anderthalb Jahre ist sie mittlerweile alt, die eingleisige 3. Liga. Doch bislang hat es der DFB offenbar nicht für nötig gehalten, diese auch durch einen eigenen Internetauftritt angemessen zu präsentieren. Noch nicht einmal eine Microsite oder wenigstens eine Subdomain hat man seinem „Premiumprodukt“ gegönnt.

Die offizielle Anlaufstelle für Drittliga-Interessierte versteckt sich schmucklos in der dritten (Zufall?) Navigationsebene der DFB-Seite, die generell so umwerfend mondän daherkommt, als sei sie direkt aus dem Jahr 1999 in die Jetzt-Zeit gebeamt worden.

Einmal dort gelandet, lädt nicht viel zu einem längeren Verweilen ein. Hintergrundgeschichten, interaktive Elemente oder profanstes Zahlenmaterial wie eine Zuschauerstatistik sucht man jedenfalls vergebens. Böse Zungen würden vielleicht sogar behaupten, dass bereits die Gestaltung des Liga-Logos die ganze Lieblosigkeit dieser Präsenz wiederspiegelt.

Für kleine Lichtblicke sorgt die sparsame Integration von Web-2.0-Technologie: Es gibt einen allerdings etwas umständlich zu entdeckenden RSS-Feed und sogar einen Twitteraccount. Zahl der Follower bislang (Stand 16.02.2010): 225.

Fragt sich, wie die höchste DFB-Spielklasse unter solchen Umständen an Profil gewinnen, wie aus ihr eine eigenständige, starke Marke  werden soll. Als ob das mit Teilnehmern wie Sandhausen, Wehen-Wiesbaden oder den unsäglichen Zweitvertretungen nicht sowieso schon schwer genug werden würde.

FAZ: Capricciosa predigen, Funghi servieren

Vor fast genau einem Jahr kritisierte die FAZ die mediale Omnipräsenz einiger weniger Experten. Was Ferdinand Dudenhöffer für die Autobranche, ist Prof. Dr. phil., Dipl.-Soz. Gunter A. Pilz für alle Fragen rund um das problemhafte Sozialverhalten von Fußballanhängern. Dabei gilt: je krawalliger, desto Pilz.

Komisch nur, dass eben jene FAZ ihre eigene Doktrin ignoriert und den selbsternannten Fanforscher in jüngster Verganenheit in gleich zwei Artikeln zu Wort kommen lässt. Eine Suche nach Pilz im FAZ.net-Archiv ergibt weitere Treffer, deren Aufruf aber leider kostenpflichtig ist.

Auch Derwesten.de (mit topaktuellem Symbolfoto aus dem Gelsenkirchener Parkstadion) oder Welt Online vertrauen wie unzählige andere Nachrichtenportale auf die Dienste des Hannoveraner Professors. Immer, wenn es irgendwo in der Fußballrepublik gekracht hat, darf er sich mit Erkenntnissen dieser Güteklasse in Szene setzen:

Viele sehen solche Auswärtsfahrten als Abenteuer-Urlaub an. Um Fußball geht es nicht mehr.

Es scheint offenbar völlig egal zu sein, dass solche Allgemeinplätze bereits x-fach bei der journalistischen Auseinandersetzung mit dem in Abständen immer wieder losbrechenden Hooliganismus verheizt wurden. Hauptsache, sie können von einer Fachkraft Koryphäe leicht abgewandelt abermals auf Kommando abgespult werden.

Telefon für Pilz.
Die 80er sind dran… und wollen ihre Phrasen zurückhaben!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich gibt es Gewalt im Umfeld von professionellen Fußballspielen. Gab es früher schon und wird es vermutlich auch in Zukunft noch geben. Genau wie in Großraumdiscotheken, auf Straßenfesten und überall sonst, wo (zu) viele junge Männer auf engstem Raum aufeinander treffen und unter dem Einfluss eines explosiven Cocktails aus Adrenalin, Testosteron und Alkohol stehen.

Selbstverständlich spielen auch gruppendynamische Prozesse innerhalb von Fanvereinigungen eine Rolle. Aber gerade deshalb ist sein mantraartiges Wiederkäuen von bloßen Begrifflichkeiten so unfassbar gehaltlos. Als ob die Entstehung von gewalttätigen Auseinandersetzungen dadurch begünstigt würde, dass es seit geraumer Zeit en vogue ist, einen Fanclub statt „Komakolonne ’85“ lieber „Ultras Hintertupfingen“ zu nennen.

Das alles lässt nur einen Schluss zu: Der Wissenschaftler Gunter A. Pilz bereitet seinen verkopften und schwer verdaulichen Einheitsbrei mit zu viel Forschungsbesteck zu. Vermutlich hat der gute Mann noch nie ein Fußballstadion, geschweige denn einen Sonderzug von innen gesehen.

In Frankfurt mag man sich damit rechtfertigen, dass Pilz der einzige wissenschaftliche Experte für diesen Tehmenkomplex ist. Richtiger werden seine Postulate dadurch aber auch nicht.

Prof. Dr. phil., Dipl.-Soz. Gunter A. Pilz