Manuel Neuer vor dem Abgang – Pest oder Sommergrippe?

Lieber Manuel,

glaub mir, ich kenne die typische Ambivalenz, die regelmäßig für 90 Minuten die Gedankenwelt eines Torhüters beherrscht. Ich bin schließlich selber einer. Man möchte etwas zu tun haben, sich auszeichnen. Das eigene Ego giert nach dem Lob der Mitspieler und dem des Trainers. Gleichzeitig will man aber natürlich unter allen Umständen zu Null spielen. Schüsse, die aufs Tor kommen, sollten also irgendwie haltbar sein. Wirklich logisch ist das nicht. Und doch werden am Spieltag wahrscheinlich sämtliche Torhüter auf diesem Planeten von dieser komischen, ja geradezu absurden Gefühlsmelange heimgesucht.

Momentan allerdings wäre es Dir sicher recht, wenn Du auf spektakuläre Paraden verzichten und dafür nicht so oft hinter Dich greifen müsstest. In der Nationalmannschaft bist Du Stammtorwart, Du hast eine gute WM gespielt. Da frustrieren die aktuellen Ergebnisse im Verein umso mehr. Selbstverständlich habe ich Verständnis dafür, dass ein junger Profi auf dem Weg zur Weltklasse internationale Titel gewinnen möchte. Unter diesen Umständen kommen die ständigen Avancen aus München freilich wenig überraschend.

Ich bin sicher nicht der größte FCB-Hasser und mit den üblichen München-Klischees von koksenden Schickis in ihren gentrifizierten Favelas möchte ich Dich auch nicht langweilen. Man könnte es dort sicher aushalten und Du kennst die Stadt, was man so hört, sowieso besser als ich. Ich könnte es aber einfach nicht ertragen, Dich im Bayern-Trikot gegen Schalke auflaufen zu sehen. Genau genommen könnte ich mir Manuel Neuer in gar keinem anderem Bundesliga-Dress als dem mit dem großen, kreisrunden „G“ vorstellen.

Wenn wir aber mal ehrlich sind – ein Wechsel zu den Stuttgarts, Hamburgs oder Bremens dieser Fußballwelt würde keinen Sinn ergeben. Was willst Du bei einem Verein, der zumindest in den vergangenen Jahren auf einem vergleichbaren Level wie Königsblau agiert hat? Nein, in Deutschland käme als nächster Karriereschritt nur der Rekordmeister in Frage. Oder eben ein Transfer ins Ausland. Dass Sir Alex in Manchester schon bald eine neue Nr. 1 braucht und Du perfekt ins Anforderungsprofil passen würdest, ist kein Geheimnis.

Im US-Sport gibt es den Ausdruck „Franchise-Player“. Der Eishockeyspieler Steve Yzerman, der 20 Jahre lang die Detroit Red Wings als Kapitän aufs Eis geführt hat, war einer von dieser Sorte. Doch diese Betitelung würde Dir nicht gerecht werden. Schon gar nicht in einer Zeit, in der weltweit nach 13-jährigen Talenten gescouted wird und ein bedeutungsloses Gebilde wie 1899 der unkritischen Journaille vom kleinen Nachbarverein abgeworbene A-Jugendspieler erfolgreich als „Eigengewächse“ verkauft.

Nein, Manuel, Du bist der Gegenentwurf zu all diesen desillusionierenden Entwicklungen. Du hast hier sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen und Dich auch von Widrigkeiten nicht aufhalten lassen. Dein bisheriger Werdegang ist gelebte Anti-Globalisierung. Du bist – so viel Pathos muss erlaubt sein – Schalke 04. Nicht mehr und nicht weniger.

Von daher würde uns auch ein Wechsel zu Man Utd mehr als nur leicht verschnupft zurücklassen. Aber dieses Szenario wäre irgendwie erduldbar. Und weißt Du was? Vorausgesetzt, Du leistest Dir bei Deinen ersten Auftritten nicht sofort einen Riesenbock – sie würden Dich dort lieben. Ernsthaft. Für Deine natürliche, unprätentiöse Art. Für Deinen Lausbubencharme. Für Deine schiere Physis, die sich in Deinem Spielstil und insbesondere in Deinen bereits heute legendären Abwürfen manifestiert.

Falls Deine Entscheidung nicht schon längst gefallen ist: Überlege noch einmal ganz genau, was das Richtige ist. Nicht für uns. Sondern vor allem für Dich, für Deine Familie und Freunde in Buer.

Glück auf!

Ein Fan

4 thoughts on “Manuel Neuer vor dem Abgang – Pest oder Sommergrippe?

  1. sagt:

    Mein erster Besuch hier, sicher nicht der letzte. Die letzten beiden Absätze gefallen mir. Gefallen mir gut.
    Sie würden ihn lieben, fragt sich nur, ob er da glücklich wird. Die Chance ist für Manuel in München vermutlich besser. Also, glücklich zu werden.
    Wenn er bliebe, könnte er nicht nur glücklich werden. Unsterblich. So viel Pathos muss erlaubt sein.

  2. stadioncheck sagt:

    Danke erstmal für die Komplimente.

    Ob Manu in München glücklicher werden würde? Ich weiß es nicht. Er würde im Ausland sicher unvoreingenommener empfangen werden.

    Am besten wäre natürlich, wenn er hier bliebe. Aber an eine Unserblichwerdung nach dem Vorbild von Matt Le Tissier mag ich leider nicht so recht glauben.

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